Nachruf

Ein virtuoser Wüterich am Schlagzeug: Ginger Baker ist tot

FILE PHOTO: Legendary supergroup Cream perform during a concert at the Royal Albert Hall in London
Ginger Baker (1939–2019)REUTERS

Nicht nur bei Cream, der ersten „Supergroup“ des Rock, hat Ginger Baker Maßstäbe gesetzt. Nun ist er 80-jährig gestorben.

„Er war der absolute Trommler, sein Kopf hing, der Mund war offen, die Schizo-Augen starrten ins Nichts, aber er war kein Spinner, er legte einen brutalen Beat hin, der immer wieder zurücklief und neu auf sich aufbaute, unglaublich impulsives Pulsieren“: So beeindruckt beschrieb der sonst von Instrumentalisten selten beeindruckte Nik Cohn in seiner „Pop History“ die Erscheinung von Ginger Baker, dem Schlagzeuger des 1966 gegründeten Trios mit Eric Clapton und Jack Bruce, der ersten Band der Rockmusik, die man andächtig „Supergroup“ nannte.

Gemeint war damit vor allem, dass alle drei als die führenden Virtuosen ihres Instruments galten, das begann damals in der Rockmusik wichtig zu werden. Und das hieß auch, dass die Musiker darauf bedacht waren, ihre Künste ausgiebig in Solos zu zeigen. Natürlich auch Ginger Baker: Sein Schlagzeugsolo in der Live-Aufnahme von „Toad“ (auf „Wheels of Fire“, 1968) dauerte 13 von 16 Minuten. Auch, was sein Instrumentarium anbelangt, strebte er nach Erweiterung: Er verwendete sechs statt zwei Becken und ließ sich eine zweite Basstrommel montieren, angeblich, nachdem er 1966 ein Konzert von Duke Ellington gesehen hatte – gemeinsam mit seinem Who-Kollegen Keith Moon, der daraufhin dieselbe Veränderung an seinem Schlagzeug vornahm.

So energetisch sein Spiel war, so furios konnte Baker – der eigentlich Peter hieß, aber wegen seines roten Haars den Spitznamen Ginger erhielt – im Umgang mit Kollegen werden. „Beware of Mr. Baker“ hieß entsprechend eine 2012 erschienene Dokumentation über ihn, die auch seinen Jähzorn festhielt. (Seine Autobiografie nannte er „Hellraiser“, auch nicht gerade ein sanfter Titel.) So zerrütteten seine dauernden Streitigkeiten mit Jack Bruce, den er schon bei der Graham Bond Organisation physisch attackiert hatte, die Band, Cream zerbrach nach nur zwei Jahren. Baker und Clapton gründeten mit Steve Winwood und Ric Grech gleich noch eine kurzlebige „Supergroup“ namens Blind Faith.

Nicht von Bestand war auch Ginger Baker's Air Force, bei der Baker noch mehr in Richtung Rockjazz ging. Im Allgemeinen kam er, ein Sprössling der britischen Bluesszene um Alexis Korner, der aber auch beim Dixieland-Veteranen Acker Bilk in die Lehre ging, mit Jazzmusikern besser zurecht, wohl, weil sie mehr Verständnis für sein Drängen nach maximaler instrumentaler Selbstdarstellung hatten als die Kollegen aus Rock und Pop. Bassist Charlie Haden und Gitarrist Bill Frisell gründeten sogar 1994 ein Ginger Baker Trio mit ihm. Allerdings: Auch ein ganz anderer britischer Wüterich, nämlich John Lydon vulgo Johnny Rotten, schätzte Baker hoch.

Außenstelle in Lagos, Nigeria

Eine besondere Liebe Bakers gehörte den Rhythmen Westafrikas, der in den späten Sechzigerjahren in Nigeria entstandene Afrobeat faszinierte ihn. So reiste er 1971 erstmals nach Lagos, um mit dortigen Musikern zu arbeiten, auch mit Afrobeat-Star Fela Kuti, er baute ein Aufnahmestudio in Lagos auf, in das er viel Geld steckte.

In den letzten Jahren lebte Baker in Canterbury, hatte starke Probleme mit dem Herzen. Nun ist er 80-jährig im Spital gestorben.


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