Einmarsch

Türkei beginnt Militäreinsatz im Norden Syriens

Türkische Militärfahrzeuge an der syrischen Grenze
Türkische Militärfahrzeuge an der syrischen GrenzeREUTERS

Präsident Recep Tayyip Erdoğan bestätigte den Einmarsch. Erste Kämpfe fanden in der Kleinstadt Ras al-Ain statt. Die Bevölkerung flieht.

Die Türkei hat ihren Militäreinsatz im Nordosten Syriens begonnen. Das teilte Präsident Recep Tayyip Erdoğan am Mittwoch unter anderem per Twitter mit.

Der staatliche Sender TRT verbreitete mehrere Videos vor allem über soziale Medien: Auf einer Aufnahme aus der südtürkischen Provinz Hatay ist zu sehen, wie sich die eine Kolonne Militärfahrzeuge der syrischen Grenze nähert. Am Wegesrand steht die örtliche Bevölkerung, weht türkische Fahnen und applaudiert den Soldaten: an Kriegsszenen und -rhetorik hat in den vergangenen Tagen in der Türkei nicht gefehlt.

Am Mittwochnachmittag schließlich begann Ankara gemeinsam mit syrischen Rebellen die Militäroperation „Friedensquelle“. Mit dem Einmarsch nach Nordsyrien wolle das türkische Militär PKK/YPG sowie den sogenannten Islamischen Staat (IS) bekämpfen. „Unsere Mission ist es, einen Terrorkorridor entlang unserer südlichen Grenze zu verhindern“, schreibt Erdoğan. In Nordsyrien soll letztlich eine Sicherheitszone entstehen, in der sich syrische Flüchtlinge wieder ansiedeln können. Beobachter sprechen jedoch von einer gezielten Vertreibung der lokalen kurdischen Bevölkerungsmehrheit.

Einem Vertreter der türkischen Sicherheitskräfte zufolge hat das Militär mit Luftangriffen und Artilleriebeschuss begonnen. Stellungen und Munitionslager der YPG – es handelt sich um die syrische Schwesternorganisation der PKK – würden mit Haubitzen angegriffen. Der Norden Syriens steht unter kurdisch geführter Eigenverwaltung. Über ihre Medienkanäle verbreiteten sie ihrerseits Bilder, etwa von der Kleinstadt Ras al-Ain, die fliehende Zivilisten auf Pick-up-Trucks zeigen. Im Hintergrund sind dicke Rauchschwaden der ersten Militärangriffe zu sehen.

Flugverbotszone gefordert

Den Beginn der Operation markierte ein türkischer Angriff auf einen Transitweg, die bereits Dienstagnacht erfolge: Die Route zwischen dem Irak und Syrien, den die Kurden für Nachschub benutzen, war Ziel dieser Attacke.

Dem Einmarsch der Türkei hat US-Präsident Donald Trump gewissermaßen den Boden bereitet. Vor wenigen Tagen gab er an, in Nordsyrien stationierte US-Truppen zurückzuziehen; Washington hat die kurdischen Milizen in Nordsyrien auch nach dem Sieg über den IS unterstützt. Ankara hingegen listet auch die YPG als Terrororganisation und plant die Militäroperation schon länger.

Die Ankündigung Trumps hat nicht nur in den USA, sondern auch international für viel Kritik gesorgt. Der Präsident ruderte kurze Zeit später leicht zurück und gab an, den Kurden auch weiterhin beistehen zu wollen. So hat nun das von der YPG angeführte Bündnis SDF die USA aufgefordert, in Nordsyrien eine Flugverbotszone einzurichten. Damit sollen die türkischen Angriffe gestoppt werden.

Kritik an der Entscheidung Trumps kam postwendend auch aus Russland. Der Truppenabzug werde „die ganze Region in Brand setzen“, sagte Außenminister Sergej Lawrow. Vertreter der russischen Regierung gaben am Mittwoch jedoch an, dass man sich in den Konflikt zwischen Syrien und der Türkei nicht einmischen wolle. EU-Kommissionspräsident, Jean-Claude Juncker, hingegen hat die Türkei aufgefordert, die Operation sofort zu beenden: „Dieser Militäreinsatz wird nicht zu guten Ergebnissen führen.“

Macron trifft SDF-Vertreterin

Ähnliche Töne kamen auch Frankreich, Großbritannien und Deutschland: Zur Militäroperation soll der UN-Sicherheitsrat einberufen werden. „Wir rufen die Türkei dazu auf, ihre Offensive zu beenden und ihre Sicherheitsinteressen auf friedlichem Weg zu verfolgen", erklärte der deutsche Außenminister, Heiko Maas. Und weiter: Die Türkei nehme in Kauf, „die Region weiter zu destabilisieren" und riskiere ein Wiedererstarken der Jihadistenmiliz (IS). Der französische Präsident, Emmanuel Macron, empfing darüber hinaus eine Vertreterin der SDF und bekundete ihr seine Solidarität mit den kurdischen Milizen im Kampf gegen den IS, wie französische Medien schreiben.

Das syrische Regime Bashar al-Assads gab bereits vor Beginn der Operation an, sich der „Aggression“ entgegenstellen zu wollen. Damaskus beschuldigte aber auch die Kurden, mit den USA eine Allianz eingegangen zu sein und „sich ausgeliefert“ zu haben. (ag./duö)