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Gastbeitrag

Bremst der Brexit unsere Anglophilie?

(c) Peter Kufner

Gedanken über Fairness, Fleiß und andere positive Eigenschaften, die die Deutschen den Briten zu Recht und Unrecht zuordnen.

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Die aktuellen Ereignisse in der englischen Politik befremden zunehmend gerade jene, die der Anglophilie, der traditionellen Vorliebe der Deutschsprechenden für alles Englische, huldigen. Diese hat schon zwei Weltkriege mit ihren gegenseitigen propagandistischen Hasstiraden fast unbeschadet überdauert. Ihre Entstehung kann bis ins frühe 18. Jahrhundert zurückverfolgt werden, wie u. a. von Michael Maurer mit eingehender Dokumentation dargelegt wurde. („Aufklärung und Anglophilie“, 1997).

Sie stellt sich als umfassender kultur- und sozialgeschichtlicher Komplex dar, der neben Sport fast alle Aspekte der kulturellen und sozialen Moderne erfasst hat. Selbst in Frankreich, das bis dahin deutsche Politik und Kultur dominiert hatte, kündigte sich mit den Briefen Voltaires aus England eine neue Sicht auf die Insel an. Im deutschen Sprachraum waren es vor allem Literaten, die mit großer Nachhaltigkeit eine anglophile Stimmung förderten: Sophie von La Roche, Lessing, Herder. Von Letzterem ist das Wort von den Engländern „als den auf eine Insel verpflanzten Deutschen“ überliefert. Dieses Diktum bildete dann im Ersten Weltkrieg die Basis für die Inbesitznahme Shakespeares als des eigentlichen Deutschen durch manche deutsche Shakespeare-Philologen. Unabhängig von dieser propagandistischen Überspitzung bildete das Gefühl der – vermeintlichen – germanischen Stammesverwandtschaft einen tragenden Pfeiler dieser deutsch-englischen Sinnes- und Gefühlsgemeinschaft.

 

Der gute „Engerländer“

An der sogenannten Steirischen Völkertafel, auf der die zu Beginn des 18. Jahrhunderts geläufigen europäischen Nationalklischees aufgelistet werden, wird sichtbar, wie schon um 1720 dem „Engerländer“ deutlich positivere Eigenschaften zugeordnet werden als dem „Teutschen“, etwa wenn als liebster Zeitvertreib des Deutschen „Mit Trincken“, des Engländers „Mit Arbeiten“ angegeben wird. Das germanische Trunkenheitsstereotyp, das sich aus der „Germania“ des Tacitus herleiten lässt, wird von den germanischen Stämmen nur dem Deutschen zugeordnet. Es kommt dann gleich noch einmal vor, und zwar in der Rubrik „Was die Völker lieben“, in der beim Engländer „Die Wohllust“ steht. Hier ist der heutige Leser allerdings darauf aufmerksam zu machen, dass dieses Wort im frühen 18. Jahrhundert noch ganz allgemein ein Vergnügen an den schönen und angenehmen Dingen des Lebens bedeutete.

Das englische Volk gilt ganz offensichtlich dem deutschen Verfasser des Texts der Völkertafel, dem Kupferstecher Friedrich Leopold aus Augsburg, um 1720, als das kultiviertere der beiden Völker. (Franz Karl Stanzel, „Europäer“, 1989, 55 ff.). Hinter allen Vorzügen der englischen Lebensart wird als Antrieb die größere bürgerliche Freiheit erkennbar, die den sinnfälligsten Ausdruck in der Umwandlung der streng symmetrisch und rektolinear angelegten klassizistischen französischen Gärten in die freischwingenden Formen des englischen Landschaftsgarten in ebendieser Zeit erhält.

 

Der Brite, der Bergtourist

Der Umbruch der Wertungen findet auch eine Parallele in der damals beginnenden imaginativen Bewältigung des Hochgebirgserlebnisses. An den spektakulären Erstbesteigungen in den Alpen waren englische Bergtouristen maßgeblich beteiligt (Stanzel, „Das Bild der Alpen in der englischen Literatur“, GRM 1963). Vorausgegangen waren diesen die ersten ästhetisch positiv besetzten Beschreibungen des Felsengebirges durch englische Bildungsreisende wie Horace Walpole u. a. Aber auch die freizügigere Stellung der Frau in England erschien den Europäern vorbildhaft. So erklärt damals ein aus Europa zurückkehrender Reisender: „Gäbe es nicht den (Ärmel-)Kanal, würden sich die Frauen in Scharen aus Europa nach England absetzen.“

Zur Abrundung des Anglophilie-Themas möchte ich meine persönliche Erfahrung als Seemann auf einem Boot der deutschen Kriegsmarine schildern, das im Zweiten Weltkrieg manövrierunfähig mehrere Stunden wehrlos der Bombardierung und dem MG-Beschuss durch britische Jagdbomber ausgesetzt war. Selbst in dieser Situation der äußersten Bedrohung beharrte ein Großteil der Besatzung darauf, es müssten Amerikaner sein, die das Feuer auf das wehrlos gewordene Boot fortsetzten. Britische Piloten würden, ganz im Sinn englischer Fairness, angesichts der Wehrlosigkeit des Gegners – die Besatzung erlebte hier buchstäblich eine Hinrichtung in Etappen – ihr Feuer auf das Boot einstellen. Auch wenn möglicherweise jemand durch das amerikanische Hoheitszeichen, das die britischen Bomber zur Tarnung während der Landung in Nordafrika 1942 trugen, zu dieser irrigen Ansicht verleitet wurde, bleibt es dennoch ein sprechender Beleg für die selbst im Kriegseinsatz noch immer wirksame anglophile Stimmung deutscher Soldaten (Stanzel, „Verlust einer Jugend“, 2013, S.45 ff).

 

Vom Vertrauten zum Fremden

Das fortgesetzte Taktieren britischer Politiker hat bereits das Klima zwischen Deutschland samt der EU und Großbritannien erheblich abgekühlt. Aus der vertrauten „nahen Ferne“ (M. Mauer) droht ein naher Fremder zu werden. Dann würde es auch Zeit für das deutsche Feuilleton, seine gelegentliche Überschätzung der englischen Literaturkritik einer kritischen Überprüfung zu unterziehen.

Erst kürzlich habe ich auf einen besonders krassen Fall der Überschätzung eines Kritikers englischer Provenienz aufmerksam gemacht. Es handelt sich dabei um James Wood, der sich bei seinen Interpretationen in „How Fiction Works“ (2008) sehr großzügig des zuletzt vor allem von deutschen Literaturwissenschaftlern eingeführten Begriffes „erlebte Rede“ – ohne jeden Hinweis auf seine Herkunft – bedient. Dafür wurde er in der „Zeit“ (28. September 2014) zum „berühmtesten Literaturkritiker der Welt“ hochgejubelt. Dazu fallen dann in der „FAZ“ noch ein paar abschätzige Bemerkungen über die Pedanterie der deutschen Literaturwissenschaft ganz allgemein ab. Meine angemahnte Revision dieser Vor- und Fehlurteile („Typische Erzählsituationen 1955–2015“, S.116 ff.) wurde jedoch von der deutschsprachigen Fachkritik totgeschwiegen.

 

Positiver Kollateraleffekt

Sollte der Brexit tatsächlich zu einem anhaltenden Stimmungsumschwung führen, würde dieser vielleicht auch die Literaturkritik erfassen und – sozusagen als positiver Kollateraleffekt – zu einem sachlicheren komparativen Urteil über die Leistungen deutschsprachiger und englischsprachiger Literaturwissenschaft und Kritik führen.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Der Autor

Franz Karl Stanzel (* 1923), emeritierter Professor für Anglistik (und Literaturwissenschaft) an der Karl-Franzens-Universität Graz, vorher lehrend in Erlangen und Göttingen. Ehrendoktorate der Universitäten Freiburg (CH) und Marburg (D). Seine Hauptarbeitsgebiete waren die Narratologie („Theorie des Erzählens“, 8. Auflage 1983) und Literarische Imagologie („Telegonie-Fernzeugung, Macht und Magie der Imagination“, 2008).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2019)