Kommentar

Gerechtigkeit für Jörg Winter, oder: Wenn Aktivisten dem ORF Einseitigkeit vorwerfen

Sechs Personen werfen dem ORF tendenziöse Berichterstattung im Nordsyrienkonflikt vor. Es geht zu weit, Journalisten als einseitig zu brandmarken, wenn sie die Sicht pro-kurdischer Aktivisten nicht eins zu eins übernehmen.

In einem offenen Brief, der seit Tagen zirkuliert (den „Die Presse“ online veröffentlicht hat), haben sechs Personen, die sich für die Kurden in Nordsyrien einsetzen, dem ORF selektive, einseitige und falsche Berichterstattung vorgeworfen. Das ist überraschend. Denn sonst wäre das niemandem aufgefallen. Außerhalb der Türkei hat dem ebenso folgenschweren wie fehlgeleiteten Einmarsch in Nordsyrien kaum ein Medium etwas Positives abgewinnen können, der ORF, soweit alle Sendungen überblickbar sind, auch nicht.

Es ist das gute Recht der Autoren, sich politisch zu engagieren und die mediale Darstellung der türkischen Invasion zu kritisieren. Zu weit geht es jedoch, Journalisten als einseitig zu brandmarken, wenn sie die Sicht pro-kurdischer Aktivisten nicht eins zu eins übernehmen. In ihrer Polemik beklagen die Verfasser des offenen Briefs (den der ORF entschieden zurückweist), dass der ORF die Errungenschaften der autonomen, multiethnischen und säkularen Zone Rojava, einer „zivilgesellschaftlich einzigartigen Oase“, nicht gebührend gewürdigt habe. Als tendenziös empfinden sie auch, dass sich der ORF nicht ausführlich genug mit dem „barbarischen“ Charakter der syrischen islamistischen Paramilitärs auseinandergesetzt habe, die im Auftrag der Türkei als Bodentruppen in Nordsyrien kämpfen. Das ist eine wertvolle Anregung. Doch was nicht ist, kann noch werden. Man muss dahinter keine mutwillige Absicht vermuten, den Sachverhalt zu unterschlagen. Gerade im Fernsehen ist es angesichts zeitlicher Beschränkungen oft schwierig, ein Thema in all seinen Facetten umfassend und differenziert darzustellen. Gleiches gilt für den Vorwurf, der ORF habe die Völkerrechtswidrigkeit der türkischen Invasion nicht herausgearbeitet und Angriffe auf zivile Ziele  in Nordsyrien nicht erwähnt. Ihrerseits lassen die sechs Kritiker übrigens die Verbindungen der syrisch-kurdischen Volksverteidigungseinheiten zur militanten Kurdenpartei PKK unerwähnt, die nicht nur von der Türkei, sondern auch von der EU als terroristisch eingestuft wird.  

Rufschädigung eines verdienten Kollegen

Letztlich fällt manches von dem, was die Kritiker dem ORF ankreiden, auf sie selbst zurück. Einen gewissen Hang zur Einseitigkeit werden die pro-kurdischen Aktivisten kaum leugnen können. Das liegt in der Natur ihres Engagements. Sie beziehen in diesem Konflikt für eine der beiden Seiten offen Stellung. Das sei ihnen unbenommen. Von Journalisten jedoch können sie diese Form der Solidarisierung nicht erwarten. Nur weil der ORF nicht wie Rojava TV berichtet, heißt das nicht, dass es dem Österreichischen Rundfunk an Objektivität mangelt. Dem ORF zu bescheinigen, am Rande einer „AKP-Hofberichterstattung“ im Dienste des türkischen Präsidenten zu stehen, ist nicht nur maßlos übertrieben, sondern aus der Luft gegriffen.

Völlig übers Ziel schießen die Verfasser des Briefes jedoch mit ihren persönlichen Attacken auf Jörg Winter, den Korrespondenten des ORF in der Türkei. Der Kollege leistet seit Jahren unter schwierigen Bedingungen exzellente Arbeit. Er bemüht sich stets, möglichst nahe am Geschehen zu sein. Zu seinen Aufgaben zählt es, die türkische Sicht darzustellen. Ihm das zum Vorwurf zu machen, ist absurd. Jörg Winter hat nie die nötige Distanz zur türkischen Regierung vermissen lassen. Ihm „wiederholte Realitätsverzerrungen“ anzulasten, die sich „anhören wie das Herunterlesen der türkischen Heeresberichterstattung“ ist einfach nur rufschädigend. Jörg Winter hat weder die kurdische noch die türkische Propaganda übernommen, sondern sich um Ausgewogenheit bemüht.

Das ist sicher kein Fehler.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2019)