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Geldanlage

Sparen: Österreicher wollen sich nicht binden

(c) Die Presse

Die Negativzinsen sind de facto am Privatkonto angekommen. Dennoch verlieren Österreicher lieber ihr Geld, als Risken einzugehen.

Wien. Es wirkt, als hätte Österreichs Bankbranche eine Aufklärungsoffensive gestartet: Kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendein Bankinstitut zu einer Pressekonferenz lädt und eine Studie präsentiert, die nachdrücklich folgende Botschaft vermittelt: Österreicher, lasst euer Geld nicht mehr auf dem Konto liegen, investiert es endlich!

Will man real kein Geld verlieren, sollte man dieser Aufforderung nachkommen, bestätigt nun auch die Österreichische Nationalbank (OeNB) in einer Pressekonferenz mit aktuellen Zahlen zum Sparverhalten der Österreicher und ihrer Vermögensbildung. Denn nach Abzug der Inflation lag in den vergangenen vier Jahren die Rendite für täglich fällige Einlagen (inkl. Bargeld) bei minus 1,3 Prozent. 2018 sogar bei minus zwei Prozent. Man könnte auch sagen: Die Negativzinsen sind bei den Konsumenten angekommen.

 

Liquidität schlägt Rendite

Die realen Verluste haben die Österreicher aber nicht davon abgehalten, immer mehr Geld in die flexiblen Finanzinstrumente zu stecken: Waren es im ersten Halbjahr 2009 noch 31 Prozent, lag der Anteil im heurigen Halbjahr bereits bei 43 Prozent des gesamten Geldvermögens. Seit 2015 sind 73,3 Milliarden Euro, umgerechnet etwa 158 Euro pro Kopf monatlich, in flexible Anlageformen geflossen. Dieser Zuwachs geht zu 95 Prozent auf täglich fällige Einlagen und Bargeld zurück. Vereinfacht gesagt: Österreicher ziehen ihr Geld kontinuierlich und in großen Summen von gebundenen Spareinlagen ab und lassen es am Konto oder bar liegen – wo es durch die Kombination aus niedrigen Zinsen und der Inflation de facto an Wert verliert.

„Wenn man sich in einer Phase unsicherer Erwartungen auf den Finanzmärkten befindet, führt das dazu, dass man das Geld tendenziell liegen lässt und in weniger renditereiche Veranlagungen geht“, zeigt OeNB-Vizegouverneur, Gottfried Haber, Verständnis für das Anlageverhalten der Österreicher, weist aber auch darauf hin, dass eine Volkswirtschaft nur dann wachsen kann, wenn dieses Geld früher oder später investiert wird: „Geldvermögensbildung ist prinzipiell etwas Gutes, weil das Vermögen künftig für Investitionen zur Verfügung steht. Die Frage ist aber, wie viel vom Gesparten tatsächlich investiert wird.“

 

Sparfreude ist stark ausgeprägt

Zum Investieren wäre freilich reichlich vorhanden: Ende Juni 2019 lag das Geldvermögen der österreichischen Haushalte, samt privater Organisationen ohne Erwerbszweck, bei rund 715 Milliarden Euro. Vor zwanzig Jahren waren es noch knapp 295 Milliarden Euro. 2018 wuchs das Geldvermögen mit 14,3 Milliarden Euro sogar am stärksten seit zehn Jahren. Auch hier wurde nicht investiert: 85 Prozent des neu gebildeten Geldvermögens wanderte in Einlagen und Bargeld.

Schlecht geht es den Österreichern nicht: Auch das Einkommen stieg im Vorjahr um 3,6 Prozent auf 216,3 Milliarden Euro. Dementsprechend sparfreudig geht es hierzulande zu: 2018 lag die Sparquote bei 7,7 Prozent des verfügbaren Einkommens und damit deutlich über dem Euroraum-Durchschnitt von 5,1 Prozent. Nur wird Sparen seiner Bedeutung nicht gerecht, wenn dabei eine negative Rendite herauskommt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2019)