Wo gemordet wird, ist die Welt gut

Denise Mina: „Klare Sache“
Denise Mina: „Klare Sache“Ariadne-Verlag

Düstere Zeiten? Noch nie war das Krimi-Genreso vielseitig. Das ist aber kein Indiz für eine gefährlicher werdende Welt.

Ist der Boom der Kriminalliteratur ein Beleg dafür, dass die Welt immer gefährlicher wird? Nein. Eher dafür, dass es sich in einem Idyll am besten morden lässt. Das passt auch zu der These des südafrikanischen Krimiautors Andrew Brown, wonach das Genre in seinem Land erst dann zu blühen begann, als politische Stabilität einkehrte. Dasselbe gilt im Übrigen für Nordirland. In instabilen, undemokratischen Ländern wie dem Irak würde es keine Kriminalliteratur und auch keine entsprechenden Leser geben.

Dennoch lassen sich angesichts von Neuerscheinungen abseits der üblichen Wohlfühl-, Psycho- und Serienkiller-Thriller ein paar Trends erkennen. Das jahrzehntelange obligatorische Heile-Welt-Versprechen – der schlaue Kommissar überführt am Ende den Täter – besteht nicht mehr. Ungelöste Fälle sind kein Tabu.

Ermittelten früher fast ausschließlich Hobby-Detektivinnen oder mit allerhand Problemen kämpfende Alphamänner, ist die Palette – falls überhaupt noch ermittelt wird! – unendlich breit: von True-Crime-Podcast hörenden verlassenen Ehefrauen („Klare Sache“ von Denise Mina), konfusen Staatsanwältinnen („Hotel Cartagena“ von Simone Buchholz) bis hin zu Weltuntergangsjüngern („Berlin Prepper“ von Johannes Groschupf). Von all den – oft auch weiblichen – Berufsverbrechern und Drogendealern gar nicht erst zu reden. So genreuntypisch wie heute wurde noch nie gemordet. Der Umbruch erfolgt zwanglos, das gesamte Genre profitiert.


Denise Mina: „Klare Sache“, übersetzt von Zoë Beck, Ariadne-Verlag, 352 Seiten, 21,60 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.10.2019)