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Die Angst vor der Zukunft liest mit

Die Norwegerin Maja Lunde vertritt eine neue Generation von Umwelt-Romanciers.
Die Norwegerin Maja Lunde vertritt eine neue Generation von Umwelt-Romanciers.Oda Berby
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Der Literaturbetrieb kann derzeit von Dystopien gar nicht genug bekommen. Drei Neuerscheinungen decken das Spektrum ab: Umwelt und Artensterben, Pandemie und die digitale Macht.

Dass die Welt besser ist als ihr Ruf, wenn wir nur die vorhandenen Daten genau genug betrachten – diese Maxime des „Factfulness“-Gedankens ist im Literaturbetrieb noch nicht wirklich angekommen. Der ist derzeit intensiver denn je damit beschäftigt, die Ängste der Leser zu bedienen – und zwar mit einer wahren Flut von dystopischen Romanen. Dass Margaret Atwood ausgerechnet jetzt mit „Die Zeuginnen“ eine Fortsetzung zu ihrem Klassiker „Der Report der Magd“ für angebracht hielt, ist das deutlichste literarische Ausrufungszeichen. Allerdings ist es nur eines von vielen.

Drei herbstliche Neuerscheinungen decken (fast) das gesamte Spektrum moderner Ängste ab: Maja Lunde beschäftigt sich mit der Veränderung der Umwelt und dem Aussterben der Arten; Sandra Newman thematisiert die Wiederkehr gefährlicher Seuchen und Pandemien; Julian Gough nimmt es mit dem „deus in machina“ auf, dem unsichtbaren und unkontrollierbaren digitalen Herrscher über das moderne Leben.

Lesenswert sind alle drei Romane, wenn sie sich auch an ein ganz unterschiedliches Publikum richten. Die bekannteste (und auch die berechenbarste) Größe des Trios ist die Norwegerin Maja Lunde. „Die Letzten ihrer Art“ ist der dritte Teil ihres Klimazyklus', der mit „Die Geschichte der Bienen“ (hochgelobt) begann und mit „Die Geschichte des Wassers“ (weniger beeindruckend) fortgesetzt wurde.


Mensch und Tier. „Die Letzten ihrer Art“ schließt erfreulicherweise qualitativ eher an Lundes Erstlingswerk an, ist erzählerisch stärker und weniger moralinsauer-schwafelnd. Im Mittelpunkt steht eine seltene und immer wieder vom Aussterben bedrohte Pferderasse, um die sich die Schicksale dreier Familien in drei verschiedenen Zeitzonen ranken: der Zoologe Michail, der sich 1881 von Sankt Petersburg auf die Suche nach einem mongolischen Wildpferd macht; die Tierärztin Karin, die 1992 mit ihrem Sohn Matthias auf den Spuren der Przewalski-Pferde in die Mongolei reist; und Eva und Isa, die 2064 entscheiden müssen, ob sie nach der Klimakatastrophe auf ihrem Hof bleiben. Jede dieser Personen erhält ihre eigene Stimme, sie erzählen die Geschichte abwechselnd und quer durch die Zeiten.

Fix in der Zukunft angesiedelt ist hingegen Sandra Newmans „Ice Cream Star“. Eine Pandemie bedroht Amerikas Bevölkerung: die Weißen werden ausgerottet, die Schwarzen sterben jung. In dieser Endzeit-Atmosphäre haben sich katholische Extremisten politisch durchgesetzt. Ice Cream, von unklarem Geschlecht und mit 15 bereits unter den Älteren, sucht in dieser brandgefährlichen, post-apokalyptischen Welt nach einem Mittel gegen den frühen Tod.


Utopie in Kunstsprache. Was „Ice Cream Star“ über alle Neuerscheinungen in diesem Herbst hinaushebt, ist die Kunstsprache, die Sandra Newman über 660 Seiten durchhält: „Das Kind is n Musterbild von ner Zehn“, heißt es etwa über ein Mädchen. Ist der Slang auf den ersten Seiten gewöhnungsbedürftig, entwickelt er sehr rasch einen Sog und bestimmt das rasante Tempo des Buches. Ein Sonderpreis gebührt Übersetzerin Milena Adam, die im Deutschen das Abgleiten der Sprache in die Lächerlichkeit verhindert.

Für Lächerlichkeit bleibt auch in Julian Goughs „Connect“ keine Zeit. Der 18-jährige Computer-Freak Colt, der sich in der realen „Kack-Welt“ nicht zurechtfindet, muss alle seine technischen Fähigkeiten aufwenden, um seine Mutter Naomi und sich zu retten, nachdem ein geleakter wissenschaftlicher Aufsatz Naomis die Geheimdienste auf den Plan gerufen hat. Dabei muss er sich auch mit seinem Vater anlegen, der ebenfalls beim Geheimdienst arbeitet.

Gough ist mit „Connect“ eine fesselnde Melange all der Dinge gelungen, vor denen sich der moderne Mensch fürchtet: allzu kluge Maschinen, digitaler Terror und gesichtslose Mächte jenseits jeglicher Kontrolle. Ein bisschen Coming-of-Age, ein bisschen erste Liebe lassen das analoge Herz höher schlagen. Empfehlenswert.

Neu Erschienen

Maja Lunde
Die Letzten ihrer Art
übersetzt von Ursel Allenstein
btb Verlag
640 Seiten
22,70 Euro


Sandra Newman
Ice Cream Star
übersetzt von Milena Adam
Verlag Matthes & Seitz 667 Seiten
28,80 Euro


Julian Gough
Connect
übersetzt von Karl-Heinz Ebnet
Bertelsmann Verlag
624 Seiten
22,70 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.10.2019)