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"Danuvius"

Neuer Vorfahre des Menschen entdeckt

Die gefundenen Knochen sind in Größe und Proportionen am ehesten mit den heutigen Bonobos vergleichbar.
Die gefundenen Knochen sind in Größe und Proportionen am ehesten mit den heutigen Bonobos vergleichbar.(c) imago stock&people (imago stock&people)
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Spektakulärer Fund im Allgäu: Den vorwiegend aufrechten Gang gab es schon vor zwölf Millionen Jahren - lange vor den Menschen.

Aufrecht gehen, das zeichnet uns Menschen aus, so unterscheiden wir uns von den Affen: Dieses Selbstbild unserer Spezies samt ihrer Vorformen scheint widerlegt, zusammen mit vielen Theorien über den Ursprung des aufrechten Ganges. Am Mittwoch präsentierten Paläontologen der Uni Tübingen ihre spektakulären Schlüsse aus einem Fund im Allgäu (in Nature, 6.11.). Es geht um 11,6 Millionen Jahre alte, aber gut erhaltene Knochen von vier Menschenaffen, in Größe und Proportionen am ehesten mit den heutigen Bonobos vergleichbar. Danuvius guggenmosi haben sie die bisher unbekannte Art getauft, nach dem Fundort (einem ehemaligen Zufluss der Donau) und einem Hobbyarchäologen, der an der Entdeckung beteiligt war.

In Körperbau und Motorik unterschied sich Danuvius von allen bisher bekannten, lebenden wie ausgestorbenen Affen: Er konnte zwar gut von Ästen hängen, aber schon der Bau der Arme erinnert „eher an den Menschen als an heutige Menschenaffen“, erklärt Studienleiterin Madelaine Böhme im „Presse“-Gespräch. Erst recht gelte das für den Rest: kräftiger Rücken, Körperschwerpunkt unterhalb des Beckens, Stabilität im Knie auch bei gestrecktem Bein – das lässt für Böhme nur einen Schluss zu: „Danuvius konnte permanent stehen und gehen, wahrscheinlich auch auf dem Boden, und ich bin überzeugt, dass der aufrechte Gang seine bevorzugte Form der Fortbewegung war.“ Auf den Bäumen hantelte er sich „wie ein menschlicher Akrobat“ weiter. Der einzige gröbere Unterschied zu uns: Der Greiffuß, mit dem er sich an Ästen festkrallte, war am Boden nicht zum Laufen geeignet (diese Fähigkeit entwickelten auch die Vormenschen erst vor zwei Millionen Jahren).

Kamen Vormenschen aus Europa?

Auf jeden Fall sei Danuvius ein heißer Kandidat für den „letzten gemeinsamen Vorfahren“, aus dem sich die menschliche Linie von den Affen abgespalten hat, vor fünf bis sechs Millionen Jahren. Bisher war man von einer Schimpansenart ausgegangen, und erst die Vormenschen hätten sich damals aufgerichtet. Unter Affen erhalten hat sich die Fähigkeit bei Orang-Utans, aber durch den anderen Körperbau ist es für sie eine eher wackelige, o-beinige Form der Fortbewegung, mit einem Anteil von nur fünf Prozent.

Für Diskussionen sorgte Böhme schon vor zwei Jahren, als sie anhand von Gebissfunden am Balkan zu dem Schluss kam, dass die ersten Vormenschen aus Europa statt aus Afrika stammten. Den neuen Fund sieht sie als Bestätigung: „Er fügt sich ins Bild“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2019)