Überraschungseffekt

Fotoprojekt Otamp: Von der Rolle

Freie Wiener Fotografen bieten bei "One Thousand and More Pictures"
noch nicht entwickelte Fotos an Bilder, die Persönliches, Zufälliges zeigen, und vor allem eins: Wien.

Paul Pibernig und Simon Riegler standen vor vier Jahren vor ihrem Kühlschrank. 40 Filmrollen lagen darin, allesamt voll mit Eindrücken und Geschichten und Gedanken, allesamt nicht entwickelt. "Es waren wirklich zu viele", sagt Pibernig, "aber wir hatten keine Kohle." Die beiden Wiener Fotografen hatten dafür eine Idee für "ein skurriles Projekt", wie Pibernig meint. Das fehlende Geld sollte über den Verkauf der Fotos kommen von Käufern, die noch gar nicht wussten, was sie erwarten würde. Weil die Filme ja noch nicht ausgearbeitet waren.

Aus dem "skurrilen Projekt" wurde "One Thousand and More Pictures", kurz Otamp, und ein Erfolg mittlerweile ist die Reihe ein jährlicher Wiener Fixpunkt. Freie Fotografen stellen sich vor, Interessierte können sich für einen Blindkauf entscheiden, dann werden die Fotos entwickelt. Danach suchen sich die Käufer das Bild aus, das ihnen gefällt. Sie erhalten es dann ausgearbeitet.

Pibernig kuratiert Otamp das Projekt, das aus dem Kühlschrank kam mittlerweile zum fünften Mal. Auch heuer: Ab 15. November stellt er online die teilnehmenden Fotografen vor. Das "Schaufenster" erhielt die Erlaubnis, zeitgleich in der Printausgabe diese Information zu veröffentlichen. Bis Anfang Dezember können sich dann Interessenten für den Fotokauf melden dann erst wird entwickelt. Die Motive wählt der Käufer anschließend ebenfalls auf der Otamp-Webseite, bis kurz vor Weihnachten werden die Bilder dann zugestellt. Pa rallel läuft dazu im "Zimmer" in Wien Josefstadt eine Ausstellung von Fotos, die in vorherigen Otamp-Ausgaben gemacht wurden. "Keepers Edition" hat Pibernig sie genannt: "Weil die Bilder im Kopf bleiben."

Urlaub, Partys, Stadt

Der Ansatz von Otamp ist nach wie vor der Gründungsidee geschuldet: Die von Pibernig ausgewählten Fotografen schießen Filme voll, die erst zu Projektende ausgearbeitet werden, ehe die Fotografen eine Vorauswahl für die Käufer treffen. In der diesjährigen Otamp-Fotografengruppe sind einige neue Künstler und vier Besucher der Wiener Schule Friedl Kubelka für künstlerische Fotografie. "Sie passen zusammen", sagt Pibernig, "aber sind doch nicht eins." Was auf den Filmrollen ist, ist meistens Material, das aufgenommen wurde, "wenn die Kamera dabei ist", sagt Pibernig, also alles ein bisschen zufällig, spontan, persönlich. "Sehr persönlich." Im Urlaub, auf Partys, am Weg durch die Stadt.

Als durchgängiges Motiv der Otamp-Reihe erkennt der Kurator vor allem eins: Wien. "Wien spielt immer eine Rolle in den Bildern", erklärt Pibernig. In der freien Fotografieszene gibt die Stadt ein ganz eigenes Bild ab. "Der Stil ist Do-it-yourself, nicht Superhochglanz." Analoge Fotografie ist das ohnehin nie. Im Fall der Wiener Fotografen ist es gewisserweise aber ein Markenzeichen, das auch umgedeutet werden darf. Die Wiener Bilder sind "trotzdem Fashion", wie Pibernig sagt. Tatsächlich verbindet man Wiener Bildsprache mittlerweile mit dem Rauen, dem Schummrigen, dem Nicht-ganz-Klaren das Image haben sich Wiener Musiker, Modemacher, Künstler und Autoren zunutze gemacht.

Kurator. Paul Pibernig, freier Fotograf in Wien, zeigt "Bilder, die im Kopf bleiben".
Kurator. Paul Pibernig, freier Fotograf in Wien, zeigt "Bilder, die im Kopf bleiben".Christine Pichler

Plattform für Fotografen

Für die teilnehmenden Fotografen ist Otamp aber auch etwas anderes. Nämlich Vernetzungsplattform und Unterstützungsnetzwerk. Die vergangenen Otamp-Reihen brachte Fotografen zusammen, die jeweiligen Gruppen, berichtet Pibernig, bestünden bis jetzt. "Man gibt sich Rat, tauscht sich über Equipment aus, man kommuniziert viel miteinander. Das ist wirklich schön."

Die Fangemeinde, die das Projekt über die vergangenen Jahre hinweg gewonnen hat, schätzt nicht nur das Spielerische, das Überraschende an Otamp. "Es geht auch darum, einander kennenzulernen", sagt Pibernig. Traditionell wird die Serie immer mit einer Art Finissage beendet, wo die Käufer die Werke abholen können und mit den Fotografen ins Gespräch kommen. Das mache beiden Seiten Spaß, sagt Pibernig: Immerhin kämen im Vorfeld, also während des Auswahlprozesses nach dem Entwickeln, immer wieder Nachrichten, in denen Käufer sich beklagten, wie schwierig es sei, sich für Bilder zu entscheiden, weil ihnen so viele gut gefielen. Gesprächsstoff gibt es also genug. Umgekehrt, ergänzt Pibernig, sei es auch so, dass "die Leute immer etwas gefunden haben".
Darüber hinaus hat Otamp für viele mittlerweile eine gewisse Funktion in der Jahresendzeit erlangt: als vorweihnachtliche Kunstaktion mit Geschenkpotenzial. Eine Möglichkeit also, auf einem sehr direkten Weg neue Wiener Kunst zu erstehen den Überraschungseffekt gibt es obendrauf.

"One Thousand and More Pictures"

Vom 15. 11. bis 12. 12.: Verkauf der
diesjährigen Otamp-Prints über www.otamp.com. Am 20. 12. findet die Schlussveranstaltung statt, ab 17.30 Uhr im "Zimmer", 1080 Wien, Piaristengasse 8.

Prints können hier abgeholt werden, optional auch Versand. Ausstellung "Keepers Edition" bis 20. 12. ebenfalls im "Zimmer". Hier gibt es eine limitierte Edition an Bildern vergangener Otamp-Ausgaben gerahmt zu kaufen.