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Otto Mühl

Was „Mathilda“ Otto sagen muss

Eine der Interventionen der ehemaligen Kommune: „Mühls Kunst entstand auf Kosten der emotionalen und mentalen Gesundheit und Entwicklung von Dutzenden von Kindern. Wenn Sie also diese Kunstwerke betrachten, seien Sie sich zumindest ihres Kreationskontextes bewusst“, so das Kollektiv „Mathilda“.
Eine der Interventionen der ehemaligen Kommune: „Mühls Kunst entstand auf Kosten der emotionalen und mentalen Gesundheit und Entwicklung von Dutzenden von Kindern. Wenn Sie also diese Kunstwerke betrachten, seien Sie sich zumindest ihres Kreationskontextes bewusst“, so das Kollektiv „Mathilda“.(c) Mathilda

Die Retrospektive am Friedrichshof endet heute, Samstag, mit einer kritischen Intervention der ehemaligen Kinder der Mühl-Kommune.

Erst durch Zufall sei man auf die seit Mai laufende Ausstellung am Friedrichshof über Mühls gesamtes künstlerisches Werk gestoßen, erzählt Paul-Julien Robert, der 2013 seine Vergangenheit als in die Mühl-Kommune geborenes Kind im Film „Meine keine Familie“ aufarbeitete. Mühls Gemälde aus dieser Zeit, so Robert, wären dort nur minimal biografisch kommentiert, vorwiegend „ohne Kontext“ ausgestellt (also ohne Erwähnung des Kindesmissbrauchs, der dort passierte und für den Mühl verurteilt wurde). Worauf sich einige der rund 80 ehemaligen, vorwiegend nicht in Wien lebenden Kommunen-Kinder spontan zur Gruppe „Mathilda“ zusammenschlossen und das Gespräch mit den Verantwortlichen suchten. Mit dem Friedrichshof-Verwalter und Ausstellungs-Kurator Hubert Klocker einigte man sich darauf, die Retrospektive mit einem „Eingriff“ der Mathilda-Gruppe bei der Finissage zu Ende gehen zu lassen.

Diese kritische Intervention findet nun heute, Samstag, statt. Um 14.30 wird der Film „Meine keine Familie“ gezeigt, um 17 Uhr dann der „feierliche Abschluss“ der Ausstellung u. a. mit Projektionen auf Bilder Mühls sowie der Kommentierung der Saaltexte begangen, so Robert: „Wir wollen nichts verdecken, arbeiten bewusst mit Projektionen.“ Die in der Ausstellung angestrengte Trennung von Werk und Person Mühls empfänden viele gerade am Tatort Friedrichshof als besonders schwierig, als „für die Betroffenen nochmals verletzend“: „Diese Bilder funktionieren zum Teil ja wie Tagebücher und zeigen Mühls Fantasien und Perversionen, die er hier ausgelebt hat.“ Um was es nicht gehe bei ihrer Aktion, betont Robert, sei ein Ausstellungs- oder Verkaufsverbot für Mühls Bilder. Sondern um die Diskussion, wie man in Ausstellungen einen zusätzlichen Kontext hineinbringen könne.

 

Mühl-Nachlass geordnet

Dieser „Eingriff“ von „Mathilda“ könnte daher auch symbolisch für einen Neubeginn in der Kommunikation mit den Nachlassverwaltern Mühls stehen. Hier hat sich in diesem Jahr einiges getan. Gerade erst wurde der ehemalige „Stadtraum“ der „Sammlung Friedrichshof“ in der Schleifmühlgasse 6 neu eröffnet, und zwar als Sitz des „Estate Otto Muehl“. Nach jahrelanger Vermittlungsarbeit u. a. des Wiener Galeristen Philipp Konzett konnten sich heuer die lang zerstrittenen bzw. konkurrierenden Erben des Mühl-Nachlasses zu einer professionell den Kunstmarkt bedienenden Konstruktion durchringen: Der vom Wiener-Aktionismus-Spezialist Hubert Klocker geführte „Estate“ betreut die Bestände der „Archives Otto Muehl“ aus Portugal, wo Mühl bis zu seinem Tod lebte und das Spätwerk verwahrt wird, sowie der „Sammlung Friedrichshof“, die der Genossenschaft gehört, die aus der Kommune hervorging und die das Frühwerk besitzt.

Ziel des neuen „Estates“ sei nun die Erstellung eines Catalogue Raisonné des Gesamtwerks sowie die Platzierung des Werks in internationalen Museen, Sammlungen und Galerien. Für den deutschsprachigen Raum ist Konzett „autorisiert“, erklärt der Galerist, international sei man noch am Sondieren. Dass der Umgang mit Mühls Erbe kein leichter ist, sei klar, versichern Konzett wie Klocker. „Es wird immer Gegner und Befürworter geben“, so Konzett. Das kunsthistorische Potenzial aber sei klar. Was auch klar ist, so Klocker, ist, dass man bei Mühl laufend mit Vorwürfen leben müsse, da gebe es auch nichts zu verbergen. Er sehe es als seine Aufgabe, mit den Kindern von damals eine Gesprächsbasis zu haben und mit ihnen Formen zu finden, wie sie sich äußern könnten. Das sei immer ein Experiment, wie diesmal, aber die Diskussion und Intervention notwendig und produktiv.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.11.2019)