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Unterwegs

Patina und Pistolenschüsse

Das Hotel Palmyra in Baalbek im Libanon ist seit fast 150 Jahren in Betrieb.

In Baalbek in der Bekaa-Ebene im Libanon steht ein außergewöhnliches Hotel. Seit 1874 ist das Palmyra in Betrieb, ein mit Grün bewachsenes Steinhaus gegenüber Tempeln aus römischer Zeit. Von der Terrasse im zweiten Stock hat man freien Blick auf die mächtigen Säulen.

Das Palmyra ist eine undurchsichtige Mischung aus Alt und Retro, ohne schmuddlig zu sein. Prächtige Teppiche, dunkle Sitzmöbel, altehrwürdiges Personal. In der Halle Bilder von Brigitte Bardot und anderen Prominenten, die hier waren und sich in der Bar Drinks genehmigten. Die Fotografien wirken wie eine nostalgische Hommage an einen alten, unbeschwerten, längst untergegangenen Nahen Osten. Doch nicht alles ist Patina im Palmyra. Eine junge, herzliche Managerin bringt Schwung in das Hotel. Dank ihr fühlt man sich nach ein paar Minuten wie zu Hause.

Die Bekaa-Ebene gilt als heikles Land: Einige Kilometer hinter Baalbek ist Syrien. Im Norden wollte sich vor einigen Jahren der IS ausbreiten. Man spürt die Präsenz der Hisbollah. Tausende syrische Flüchtlinge hausen in Bretterbuden auf freiem Feld. In dem Spannungsfeld rühmt sich das Palmyra, noch keinen Tag geschlossen zu haben. Ob das wahr ist, weiß ich nicht, aber man empfing mich, obwohl sonst keine Gäste da waren. Der Libanon erlebt unruhige Zeiten, und Revolutionen sind nicht gut für den Tourismus.

In der Früh weckten mich Schüsse. Aus der Ferne, aber es dauerte gut eine Stunde. Auf die Frage, was das gewesen sei, sagte die Managerin: „Ach, zwei verfeindete Familien. So ist das in unserer Kultur.“ Ich vermute eher, dass es Übungen auf der nahen Militärbasis waren. Aber das klingt natürlich weniger spektakulär. ?

Jutta.Sommerbauer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2019)