Scham ist unangenehm bis quälend. Wir brauchen aber dieses Gefühl als Korrektiv, als Moment der Selbstreflexion. Ob nun in Gesellschaft, oder allein.
Vernachlässigt

Wir sollten uns schämen!

Die Scham verdiene mehr Anerkennung, sagt der Psychiater Daniel Hell. Sie ist ein Sensor unserer Selbstachtung. Doch stattdessen drängt sich der gekränkte Narziss vor.

Wer sich das Video aus dem Jahr 1998 heute ansieht, in dem Bill Clinton seine Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky zugibt, der sieht einen kühl wirkenden US-Präsidenten in dunkel gehaltener Atmosphäre, der mit allen Kräften versucht, ein bestimmtes Gefühl zu unterdrücken: Scham. Die Affäre hatte nicht nur das ganze Land beschäftigt, sondern Clinton haarscharf an einem Amtsenthebungsverfahren vorbeischrammen lassen; zuvor hatte er unter Eid eine Affäre mit Lewinsky negiert.

Heute sitzt Donald Trump im Weißen Haus. Auch ihm droht ein Amtsenthebungsverfahren, aus anderen Gründen wohlgemerkt, aber auch bei ihm hängen Affären in der Luft, mit Schweigegeldzahlungen, er fällt gern mit despektierlichen, frauenfeindlichen Aussagen auf, Korruption scheint ihm kein Fremdwort zu sein, Stichwort: Russland-Verbindungen. Schamgefühle? Eher nicht. Auch nicht bei anderen Politikern, Künstlern, Führungspersönlichkeiten und Figuren aus der Popkultur, die ganz offensichtlich korrupt sind, kriminell, die regelmäßig moralische Grenzen überschreiten. Hat man bei der Verhaftung von Harvey Weinstein zumindest einen Anflug von Scham erkennen können? Kaum. Dem Filmproduzenten werden zahlreiche Vergewaltigungen und Erpressungen vorgeworfen. Als er abgeführt wurde, gab er sich betont lässig, er lächelte gar. Man könnte meinen: Schamlosigkeit steht hoch im Kurs in unserer Zeit.