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Kunstdiebstahl

Wer steckt hinter dem Juwelenraub?

Gestohlen: Bruststern des Polnischen Weißen-Adler-Ordens mit Brillanten, Rubinen, Gold und Silber besetzt. Der Direktor des Grünen Gewölbes, Dirk Syndram (Mi.), und Sachsens Kunstministerin Eva Maria Stange (re.) besichtigen den Tatort.
Gestohlen: Bruststern des Polnischen Weißen-Adler-Ordens mit Brillanten, Rubinen, Gold und Silber besetzt. Der Direktor des Grünen Gewölbes, Dirk Syndram (Mi.), und Sachsens Kunstministerin Eva Maria Stange (re.) besichtigen den Tatort.(c) imago images/Max Stein (ronaldbonss.com via www.imago-im)
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In Dresden laufen die Ermittlungen nach dem Einbruch in die historische Schatzkammer auf Hochdruck. Das Fluchtauto wurde identifiziert, von den Tätern fehlt jede Spur.

Dresden/Wien. Viele Hinweise, aber noch nichts Konkretes: Einen Tag nach dem spektakulären Diebstahl in Dresden liefen am Dienstag die Ermittlungen der Sonderkommission „Epaulette“ (franz.: Schulterklappe) auf Hochtouren. 20 Beamte sind im Einsatz, um den Einbruch in das Residenzschloss in der Altstadt zu klären. Was wir bisher über einen der größten Kunstdiebstähle Deutschlands wissen:

1 Was ist bisher über den Tathergang bekannt?

Die Täter haben kurz vor fünf Uhr Montagfrüh ein Fenstergitter durchtrennt, die Scheibe eingeschlagen und sind in die Schatzkammer eingedrungen. Mit einer Axt zertrümmerte einer gezielt die Glasvitrinen mit den wichtigsten Stücken der Sammlung und entwendete diese. Die Tat dauerte nur wenige Minuten. Die Polizei war zwar rasch am Tatort, die Täter aber bereits auf der Flucht. „Sie müssen sich ausgekannt haben“, sagte Museumsdirektor Dirk Syndram. Zeitgleich mit dem Juwelenraub wurde der Brand eines Stromverteilerkastens in der Nähe gemeldet, die Straßenbeleuchtung im Bereich des Museums fiel aus, es war stockdunkel. Die Polizei geht fix von einem Zusammenhang aus.

2 Was genau wurde aus der barocken Schatzkammer gestohlen?

Mitgenommen haben die Täter nach Angaben der Staatlichen Kunstsammlungen (SKD) einige der kostbarsten Stücke der Juwelensammlung aus dem 18. Jahrhundert. Dabei handelt es sich um eine Brillantengarnitur und zwei Diamantengarnituren – diese bestehen aus jeweils bis zu 40 Einzelstücken wie Orden, Haarspangen oder Broschen, die reich mit Steinen besetzt sind. Wie viele Einzelstücke entwendet wurden, ist derzeit noch unklar. Eine genaue Auswertung sollte am Dienstagnachmittag erfolgen. Die Stücke – die nicht versichert sind – gelten als unverkäuflich, weil sie so bekannt sind. Experten befürchten, dass die Diebe die Werke zerlegen und die Steine neu schleifen werden, um sie so verkaufen zu können.

3 Wer sind die Täter, und wie konnten sie flüchten?

Klar ist bisher nur, was auf dem Video der Überwachungskamera des Grünen Gewölbes zu sehen ist: Obwohl zuerst davon die Rede war, dass zwei Personen mit Taschenlampen zu sehen sind, hat die Polizei diese Angaben mittlerweile korrigiert und spricht von nur einer.

Die Ermittler gehen aber von weiteren Beteiligten aus. Die Täter müssen laut ersten Vermutungen sehr klein und wendig gewesen sein, weil sie durch ein sehr kleines Fenster eingestiegen sind. Durch einen Schacht entkamen sie aus dem Museum. Danach flüchteten sie in einem Auto, einem Audi A6, der in unmittelbarer Nähe geparkt gewesen sein muss. Der Wagen wurde ausgebrannt in einer Tiefgarage gefunden. An dem Wrack konnten Spuren vom Tatort sichergestellt werden. „Insgesamt sprechen die Umstände für eine zielgerichtete und vorbereitete Tat“, betonte Kriminalrat Olaf Richter, Leiter der Sonderkommission. Ob die Spuren zu Berliner Clans führen, die in der Vergangenheit immer wieder brutale Überfälle verübt haben, wollten die Ermittler (noch) nicht kommentieren.

4 Wie waren die Schmuckstücke gesichert?

Einige Museen haben bereits angekündigt, ihre Sicherheitssysteme überprüfen zu wollen. Grundsätzlich verfügt das Grüne Gewölbe über vergitterte Fenster, Videoüberwachung und Sicherheitsleute. Der Schmuck selbst lag hinter Sicherheitsglas, und einzelne Objekte waren mit Stichen an den Untergrund genäht. Mehrere Alarme wurden ausgelöst, die Polizei sei bereits beim ersten Alarm informiert worden.

5 Warum griffen die diensthabenden Sicherheitskräfte nicht ein?

Zwei Wachleute beobachteten die Täter über Monitore in der Zentrale. Nach den Vorgaben dürfen sie nicht selbst eingreifen, um ihr eigenes Leben zu schützen. Sie müssen die Polizei informieren. (zoe)

SPEKTAKULÄRE KUNSTDIEBSTÄHLE

Berlin, März 2017: Aus dem Bode-Museum stehlen Einbrecher eine 100 Kilo schwere Goldmünze im Wert von 3,75 Millionen Euro. Die Täter stehen derzeit vor Gericht, die Münze wurde vermutlich eingeschmolzen.

Oslo, August 2004: Bewaffnete überfallen das Munch-Museum und rauben eine Version von „Der Schrei“ sowie „Madonna“. Schätzwert: insg. 90 Mio. Euro. Die Gemälde tauchen wieder auf, die Diebe müssen ins Gefängnis.

Wien, Jänner 2003: Benvenuto Cellinis Salzfass „Saliera“ wird aus dem Kunsthistorischen Museum gestohlen. Drei Jahre später wird der Täter verhaftet, das Kunstwerk wird in einem Wald wiedergefunden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2019)