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Tirol

Schneeschuhtour: Schweben statt stapfen

Symbolbild.
Symbolbild.(c) imago images/CHROMORANGE (CHROMORANGE / Bruno Kaegi via ww)

„Gemma noch aufs Birgitzköpfl“: Die Route nahe Innsbruck durch den Wald bis zum Gipfelkreuz auf 1982 Metern ist eine beliebte Variante für den Bewegungshunger zwischendurch. Eingekehrt wird auf der Birgitzer Alm.

Die Rodelstrecke zur Birgitzer Alm ist schon lang ein Klassiker. Auch Skitourengeher schätzen die schneesichere, nordseitige Waldschneise zu jeder Tages- und Nachtzeit, liegt sie ja nur 20 Kilometer von Innsbruck entfernt. Relativ jung ist die Erkundung jedoch auf Schneeschuhen, die eine weitere freudvolle Schneebegehung eröffnet, eine Art Waldbaden für die Winterzeit.

In Kurve Nummer vier zwischen dem Dorf Axams und dem Skigebiet Axamer Lizum befindet sich der Einstieg zum Aufstieg (1365 m). Rechterhand stapft man in den Wald hinein. Der leicht ansteigende Weg trifft nach etwa 15 Minuten auf die präparierte Rodelbahn, die sich in weiten, mäßig ansteigenden Kurven zur Hütte hin bewegt. Für Schneeschuhwanderer im Anfängermodus ist der frisch gespurte, breite Forstweg die ideale Route. Am Rand auf festem Schnee marschiert man kräfteschonend dahin, spult gemächlich die Höhenmeter bis zur Hütte ab.

Authentischer ist das Schneeschuh-Feeling allerdings in der Aufstiegsspur durch den Winterwald. Der gut sichtbare Pfad zweigt in der zweiten Kurve der Rodelbahn rechts ab und schlängelt sich durch die von der Schneelast gebeugten hohen Nadelbäume bergauf. Nur wenige Tritte entfernt von der Straße umhüllt die weiße Winterstille die Schneeschuh-Wanderer. Nichts ist zu hören als das Knacken der Äste im aufkommenden Föhn, der sich immer wieder einmal mit voller Kraft durch die Baumwipfel ins Inntal stürzt. Einige Male quert die Aufstiegsspur die Rodelbahn – eine kurze Begegnung mit dem geräumten und präparierten Forstweg. Und dann schnell wieder ab in den Wald, wo man auf überdimensionalen Trapper-Sohlen im weißen, weichen Landschaftsteppich verschwindet.

Durch frischen Schnee federn

Das ist das Herrliche an den Schneeschuhen – sie tragen dich in deinem Atemrhythmus auf deiner Wegvariante zum Ziel. Je nach Kondition und Einsamkeitsbedarf bewegt sich der Körper durch die Winterstille. Man kann der bereits angelegten Schneeschuh-Route folgen und so Kraft sparen und die Trittsicherheit erhöhen. Man kann aber auch – wie bei frischem Pulverschnee – übermütig aus der Spur tanzen und selbst die Riesen-Schritte im flaumigen Weiß setzen. Still sein und atmen. Die Zacken geben Halt, auch im schrägen Hang, eine aufklappbare Steighilfe erleichtert das Gehen im steilen Gelände. Und plötzlich ist es wieder da, dieses kindliche Vergnügen an der Bewegung im Schnee, daran, über weiche Watte durch den Wald zu huschen.

Hütte oder Gipfelsturm?

Schließlich, nach rund einer Stunde Gehzeit, taucht der Steig aus dem Wald auf, und unvermittelt findet man sich auf den letzten Metern der Rodelbahn kurz vor der Birgitzer Alm. „1840 Meter“ steht prominent über dem Eingang, die korrekte Höhe lautet auf 1808 Meter. Wie auch immer, man muss weiter – es lockt der Gipfel, das Birgitzköpfl.

Vor der Hütte Richtung Süden lugt eine kleine Kapelle unter der dicken Schneedecke hervor – hier führt die Aufstiegsspur weiter zum höchsten Punkt. Nur wenige einzelne Bäume halten sich tapfer auf dem nackten Bergrücken. Ganz am Horizont im Süden, zwischen Böen und Schneeverwehungen, ist die Nockspitze in den Stubaier Alpen auszumachen. Blickt man nach Westen, zeigt sich das Skigebiet der Axamer Lizum. Jetzt, wo wir den Wald verlassen haben, wird es stürmisch, der sonst warme Föhn präsentiert seine eisige Variante.

Zwischen den typischen Wolkenfetzen blitzt ein intensiv blauer Himmel hervor. Wir ziehen leicht geduckt über die wellenförmig verblasene Schneedecke weiter und sind mittlerweile allein auf weiter Flur. Zu verlockend war für die anderen Schneeschuhwanderer wohl der Einkehrschwung zur Hütte. Nur mehr einzelne Bäume, in eisiger Verkleidung, stehen am Weg. Die Schneekristalle knallen wie spitze Steinchen ins Gesicht.

Wir ziehen unsere eigene Spur, der Wind hat die alte Aufstiegsspur verblasen. Den Kopf in Schutzhaltung eingezogen, die Finger steif gefroren, spulen wir die letzten Meter ab, und dann ist das Holzkreuz zu erkennen. Auf fast 2000 Meter zwingt der nun beißende Wind schnell in die Daunenjacke und gleich wieder bergab Richtung Hütte. Die frischen Schneemengen, die Kälte, der Wind und der menschenfreie Hang lassen einen so richtig zur Hochform auflaufen. Es ist wie Schweben. Auf der windgepressten Schneedecke aus Pulverschnee wird das Gehen zum Tänzeln auf Riesensohlen. Das Gemüt erhellt sich, der Kopf wird frei von unnötigem Denkballast.

Und dann, in der Hütte, bei Gerstlsuppe und Marmorkuchen, erwärmen sich Herz und Glieder. Die Pause von knapp einer Stunde nützt der Föhn, um sich zur Ruhe zu setzen. Unvermittelt, wie es so seine Art ist. Der Großraum Innsbruck zeigt sich nun mit freier Sicht und wohltuender Wintersonne. Es eröffnet sich das Panorama mit Blick auf das Inntal und Innsbruck, Richtung Norden schaut man ins Karwendel. Und wir tauchen gleich unterhalb der Hütte wieder ein in den puderartigen Schnee, fliegen auf leisen Sohlen abwärts durch den Winterwald. Kurz die Rodelbahn queren, und dann erneut durch den Schneewald zurück zur Kurve Nummer vier. Die Schneeschuhe abschnallen, noch einmal durchatmen, und der Alltag kann kommen.

Aufs Birgitzköpfl:

Start: Von Axams aus.
Hinkommen: Der Postbus L1 fährt im Winter stündlich vom Hauptbahnhof Innsbruck bis in die Axamer Lizum, Haltestelle Birgitzer Alm.
Wichtige Vorab-Info: Unbedingt vor alpinen Touren Lawinengefahr checken: Lawinenwarndienst Land Tirol: www.lawinen.report/bulletin/latest

Einkehren: www.birgitzer-alm.at/winter