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Retrospektive

Stachelige Sowjet-Sittengemälde

Wird am 19. Dezember gezeigt: „Der Klavierstimmer“ aus dem Jahr 2004.
Wird am 19. Dezember gezeigt: „Der Klavierstimmer“ aus dem Jahr 2004.(c) Wiener Filmmuseum
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Das Wiener Filmmuseum zeigt bis 20. Dezember Filme von Kira Muratova. Sie war eine der scharfsichtigsten Menschenzeichnerinnen der UdSSR.

Sucht man nach Veränderungen im Programmprofil des Österreichischen Filmmuseums seit Beginn der Intendanz von Michael Loebenstein im Herbst 2017 (und seit der Bestellung von Jurij Meden zum Chefkurator im Sommer 2018), treten vor allem zwei Tendenzen zutage: mehr Raum für Filmemacherinnen (gleichwohl meist nur in Form kleinerer Schlaglichter) – und für osteuropäische Filmgeschichte. Bei der Dezember-Retrospektive kreuzen sich diese Linien nun erstmals im Rahmen einer größeren Schau: Gewürdigt wird das Werk der ukrainischen Regisseurin Kira Muratova.

Es ist eine erfreulich unkonventionelle Wahl: Denn obwohl die im einstigen Bessarabien geborene und 2018 in Odessa verstorbene Künstlerin seit den 1990ern verstärkt westliche Festivalpräsenz genoss, blieb ihr Schaffen stets umstritten – und nur bedingt exporttauglich. Das liegt hauptsächlich an seiner ästhetischen Spezifität: Muratovas Interesse galt den kleinen Leuten, nicht den großen Gesten. Sie stellte Zwischenmenschliches über Metaphysik, Episodisches über Episches, das Gesellschaftsporträt über das Gesamtkunstwerk. Und war bei aller Freude am Experiment immerzu schonungslos konkret in ihren Beschreibungen (post-)sowjetischer Lebenswirklichkeit.

 

Im Giftschrank der Zensur

Das brachte sie von Anfang an in Bedrängnis. Schon in ihrer ersten Solo-Regiearbeit („Kurze Begegnungen“, 1967) fehlt jede Spur von zeittypischer Idealisierung: Die Hauptfiguren des melancholischen Liebesdreiecks sind durch und durch unschlüssig, hadern mit ihren Gefühlen und der Rolle im sowjetischen Projekt. Als beim Mutter-Sohn-Beziehungsdrama „Langer Abschied“ (1971) auch noch formale Verspieltheit nach französischer Fasson hinzukam, wurde es den Behörden zu viel: Der Film verschwand im Giftschrank der Zensur.

Fortan stand Muratova auf Kriegsfuß mit der Obrigkeit. Und spitzte ihren Stil mit jedem neuen, mühsam durchgeboxten Werk noch weiter zu – in Sachen Realismus wie in puncto Künstlichkeit. Ein Widerspruch? Nicht wirklich. Bezeichnend: der Film „Das asthenische Syndrom“, der bei der ersten Berlinale nach der Maueröffnung mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde (und vielleicht das Zentralgestirn von Muratovas Œuvre darstellt). Das ausufernde Sozialpanorama beginnt mit surrealen Szenen aus dem Leben einer depressiven Frau – Auftakt zu einem Parcours durch garstige Alltagsbilder einer von toten Seelen bevölkerten UdSSR.

Der Zug zum Grotesken – Menschen, die marionettenartig ihre schrillen Daseinsrollen spielen, stets auf den eigenen Vorteil bedacht, scheinbar unfähig zur Kommunikation – ließ auch im neuen System nicht nach. Und verschaffte Muratova den undankbaren Ruf einer Misanthropin, den sie mit stacheligen Interviews bestärkte. Doch gerade in der Beobachtungsschärfe, mit der sie Männer wie Frauen, Opfer wie Profiteure der jeweils herrschenden Ordnung ins Licht rückte, steckt enormes Einfühlungsvermögen. Bemerkenswert dabei: Muratovas Gespür für Sprache. Und, nicht zuletzt, ihr im Spätwerk immer stärker durchscheinender Humor.

Muratovas Einfluss auf nachgeborene Regie-Generationen ist nicht zu unterschätzen. Was sie wollte? Sergei Loznitsa, einer ihrer geistigen Erben, brachte es in einem schönen Nachruf auf den Punkt, und zwar mit einem von Muratovas eigenen Filmtiteln: nichts weniger als „Die große weite Welt erkennen“ – durch die Beziehungen ihrer Bewohner.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.12.2019)