#MeToo

Der Weinstein-Prozess hat begonnen: Eine Bilanz vorab

Der Fall zeigt, wie schwierig die juristische Aufarbeitung von sexuellen Übergriffen ist. Während mehr als 80 Frauen dem 67-jährige Gründer des Miramax-Studios Harvey Weinstein Fehlverhalten vorwerfen, wird ihm in New York nur wegen zwei Fällen der Prozess gemacht.

Die Enthüllungen zu den Vorwürfen gegen Hollywood-Mogul Harvey Weinstein schlugen im Herbst 2017 ein wie eine Bombe. Sie brachten die #MeToo-Bewegung ins Rollen, eine beispiellose Kampagne gegen sexuelle Übergriffe gegen Frauen. Heute, am 6. Jänner, hat der Prozess mit der Auswahl der Geschworenen (das allein soll rund zwei Wochen dauern) und vor allem organisatorischen Fragen begonnen. Der 67-Jährige, er ist gegen Kaution auf freiem Fuß, erschien gestützt auf eine Gehhilfe. Eine kleine Bilanz vorab.

Zahlreiche Fälle sexueller Gewalt wurden publik gemacht, das einstige Tabuthema wurde breit ausgeleuchtet, scheinbar unantastbare Prominente wurden verstoßen. Die Journalistin Kim Masters vom Branchenblatt "Hollywood Reporter" sagt, sie höre nahezu jeden Tag Geschichten über sexuelles Fehlverhalten. Filmstudios würden aber versuchen, alles unter den Teppich zu kehren, und gingen juristisch gegen mögliche Enthüllungsgeschichten vor. "Es passiert so oft, dass ein Unternehmen sagt: 'Wir tolerieren ein solches Verhalten nicht' - und dann kommt heraus, dass sie es toleriert haben", beklagt Masters.

Ende der Kultur der Geheimhaltung 

"Alles hat sich geändert, und zugleich hat sich nichts geändert", konstatierte kürzlich die "New York Times"-Journalistin Jodi Kantor, die im Oktober 2017 mit einer Kollegin die Vorwürfe gegen Weinstein enthüllt hatte. "Dinge, die noch vor einigen Jahren akzeptiert, toleriert, ignoriert wurden, werden jetzt viel ernster genommen." Zugleich hätten sich die grundlegenden Mechanismen, um solche Vorfälle zu verhindern und mit ihnen umzugehen, kaum verändert, sagte Kantor im Magazin "Vanity Fair".

Kantors Kollegin Megan Twohey sagt, die Kultur der Geheimhaltung rund um das Thema sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt sei zwar teilweise "zertrümmert" worden. Doch viele Fälle blieben weiterhin im Dunkeln - unter anderem durch geheime Vereinbarungen, bei denen mutmaßliche Opfer im Gegenzug für Verschwiegenheit finanziell entschädigt werden.

Auch Weinstein selbst setzt auf diese Strategie: Der 67-jährige Gründer des Miramax-Studios hat eine Vereinbarung mit dutzenden Frauen über Entschädigungszahlungen in Höhe von insgesamt 25 Millionen Dollar getroffen. Zahlen muss das der "Pulp Fiction"-Produzent aber nicht einmal selbst: Aufkommen sollen die Versicherer seines pleitegegangenen Filmstudios. Schauspielerin und Model Emily Ratajkowski kommentierte das, indem sie sich für eine Filmpremiere "Fuck Harvey" auf den Arm schrieb.

Der Fall Weinstein zeigt auch, wie schwierig die juristische Aufarbeitung von sexuellen Übergriffen ist. Während mehr als 80 Frauen Weinstein Fehlverhalten vorwerfen, wird ihm in New York nur wegen zwei Fällen der Prozess gemacht. Zur Last gelegt werden ihm eine Vergewaltigung im Jahr 2013 und erzwungener Oralverkehr im Jahr 2006.

Viele andere Fälle sind verjährt. Häufig trauen sich Frauen zudem nicht, mit ihren Vorwürfen zur Polizei oder an die Öffentlichkeit zu gehen. Viele fürchten um ihre Karrieren oder fühlen Scham über das, was ihnen angetan wurde.

Die Angst besteht noch heute: "Wenn es um einen Star geht, ist es am Ende die Frau, die ihre Stimme erhebt, die Probleme haben wird - nicht der Star", sagt Reporterin Masters. Die Schauspielerin Rose McGowan, die als eine der ersten Vorwürfe gegen Weinstein erhoben hatte, beklagte kürzlich, seit sie angefangen habe, Missstände anzuprangern, sei sie faktisch arbeitslos.

Auch in Europa sorgte #MeToo für viele Debatten. In Deutschland kam das Thema spätestens mit den Vergewaltigungsvorwürfen gegen Regisseur Dieter Wedel an. Auch in Frankreich gab es eine große Bewegung, die sexuelle Übergriffe anprangerte. Es gab allerdings auch Widerspruch: Bekannte Künstlerinnen wie Schauspiellegende Catherine Deneuve beklagten einen neuen "Puritanismus" und eine "mediale Lynchjustiz" gegen Männer.

Chronologie

5. Oktober 2017: Die "New York Times" bringt den Fall ins Rollen. Die Zeitung berichtete als erste über den Vorwurf der sexuellen Belästigung, gestützt auf die Aussagen von mehreren Frauen. Die Vorfälle reichen demnach fast drei Jahrzehnte zurück. Außerdem soll Weinstein in acht Fällen Schweigegeld gezahlt haben.

Weinstein entschuldigte sich in einer Erklärung für sein "Benehmen gegenüber Kolleginnen in der Vergangenheit". Er nimmt eine Auszeit, um - wie er sagt - seine "Dämonen" in den Griff zu bekommen. Drei Tage später feuert ihn sein eigenes Filmstudio, das er zusammen mit seinem Bruder Bob Weinstein führte.

10. Oktober 2017: Die Ehefrau des inzwischen auch unter Vergewaltigungsvorwürfen stehenden Hollywood-Produzenten trennt sich von ihrem Mann. Georgina Chapman gibt eine entsprechende Erklärung gegenüber dem Magazin "People" ab. Das Magazin "New Yorker" hatte zuvor berichtet, drei Frauen beschuldigten Weinstein der Vergewaltigung, darunter die Schauspielerin Asia Argento, die von einem Fall im Jahr 1997 berichtet.

Immer mehr Frauen erheben Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen den Hollywood-Mogul: unter ihnen namhafte Schauspielerinnen wie Gwyneth Paltrow, Angelina Jolie, Rosanna Arquette, Rose McGowan und Selma Hayek. Über seine Sprecherin Sallie Hofmeister lässt Weinstein erklären, dass er alle Vorwürfe wegen nicht einvernehmlich erfolgter sexueller Handlungen zurückweise.

11. Oktober 2017: Wegen der Vergewaltigungsvorwürfe setzt die britische Filmakademie Bafta die Mitgliedschaft des US-Filmproduzenten aus. Weinsteins Verhalten sei "völlig inakzeptabel und unvereinbar mit den Werten der Bafta" und habe "absolut keinen Platz" in der Filmindustrie. Die Bafta vergibt die wichtigsten Filmpreise Großbritanniens.

14. Oktober 2017: Hollywood kehrt Weinstein endgültig den Rücken: Die Oscar-Akademie schließt den Produzenten aus ihren Reihen aus. Nach einer Dringlichkeitssitzung in Los Angeles erklärt der 54-köpfige Vorstand, die Entscheidung solle die Botschaft aussenden, dass "sexuell aggressives Verhalten" in der Filmbranche nunmehr "vorbei" sei.

Die Welle der Empörung schlägt immer höher, der Zorn kanalisiert sich in diesen Tagen im Internet vor allem in einem Hashtag: #MeToo wird zum Schlachtruf der Debatte und des Kampfes gegen sexuelle Gewalt.

3. November: Die New Yorker Polizei kündigt an, einen Haftbefehl gegen Weinstein wegen Vergewaltigung vorzubereiten. Konkret geht es um den Fall der Schauspielerin Paz de la Huerta. Sie hatte Weinstein beschuldigt, sie 2010 zweimal in New York vergewaltigt zu haben.

24. Mai 2018: Weinstein will sich angeblich den New Yorker Behörden stellen: Das berichtet die Zeitung "New York Times" unter Berufung auf namentlich nicht genannte Strafverfolger. Die Zeitung "Daily News" berichtet, Weinstein drohe mindestens eine Anklage wegen sexueller Gewalt. Der Fall reiche in das Jahr 2004 zurück.

31. Oktober 2018: In den USA sind neue Missbrauchsvorwürfe gegen den früheren Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein bekannt geworden. Eine aus Polen stammende Frau wirft Weinstein einen sexuellen Angriff im Jahr 2002 vor, als sie erst 16 Jahre alt war.

23. Mai 2019: Weinstein erzielt in seinen Zivilverfahren wegen sexueller Übergriffe eine vorläufige Vereinbarung über eine Millionenentschädigung. Die außergerichtliche Regelung, die sämtliche Opfer und Gläubiger betrifft und auch die Verfahren in Kanada und Großbritannien einschließt, beläuft sich laut Medien auf 44 Millionen Dollar (39,4 Millionen Euro). Die strafrechtliche Verfolgung des Ex-Filmproduzenten bleibt davon unberührt.

12. Juli 2019: Weinstein präsentiert ein neues Anwaltsteam für seinen Prozess. Die Anwälte Donna Rotunno und Damon Cheronis aus Chicago würden nun zusammen mit Arthur Aidala aus New York seine Verteidigung übernehmen. Von mehr als einem halben Dutzend Anwälten hatte sich Weinstein zuvor schon getrennt - oder sie hatten selbst das Handtuch geworfen.

23. Oktober 2019: Rose McGowan, eine der Vorkämpferinnen der #MeToo-Bewegung, zieht gegen Weinstein vor Gericht. Die US-Schauspielerin reicht vor einem Bundesgericht in Kalifornien Klage gegen den Ex-Hollywoodmogul ein.

11. Dezember 2019: Weinstein schließt eine weitere Vereinbarung über Entschädigungszahlungen an dutzende Frauen, die ihm sexuelle Gewalttaten vorwerfen. 25 Millionen Dollar (22,4 Millionen Euro) soll den Angaben seines Anwalts zufolge unter mehr als 30 Schauspielerinnen und früheren Angestellten Weinsteins aufgeteilt werden, die juristisch gegen den ehemaligen Hollywoodmogul vorgegangen sind.

16. Dezember 2019: Es wird bekannt, dass der Prozess gegen Weinstein am 6. Jänner 2020 in New York beginnen soll.

(APA/AFP)