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KZ-Gedenken

Als in Mauthausen Rekruten den Eid auf die Republik ablegten

Tor zum ehemaligen KZ Mauthausen
Tor zum ehemaligen KZ Mauthausen(c) imago
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Die Nationalsozialisten verloren keine Zeit: Wenige Tage nach dem „Anschluss“ begann die Errichtung des größten Konzentrationslagers auf Österreichs Boden: Mauthausen. Seit 1949 ist es eine Gedenkstätte.

Es war das größte Konzentrationslager auf dem Gebiet des heutigen Österreich: Rund 200.000 Menschen aus mehr als 40 Nationen wurden während des Zweiten Weltkrieges im oberösterreichischen Mauthausen gefangen gehalten. Etwa die Hälfte davon überlebte die Vernichtungsmaschinerie nicht. Heute gilt der Gebäudekomplex, der zugleich Friedhof und Museum umfasst, als wichtigster Erinnerungsort für NS-Gräueltaten in Österreich.

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich am 15. März 1938 verloren die Nationalsozialisten wenig Zeit: Schon sieben Tage später kündigte der „Reichsführer SS“, Heinrich Himmler, in Linz an: „Der Führer hat genehmigt und befohlen, dass die Schutzstaffel Österreichs zwei Standarten aufstellen darf, eine Standarte der Verfügungstruppe mit 3 Sturmbannen und eine Standarte der Totenkopfverbände mit ebenfalls drei Sturmbannen, welche letztere nach Oberösterreich kommen werden.“

Auf diese indirekte Ankündigung eines Tötungszentrums folgte wenig später die Konkretisierung durch Gauleiter August Eigruber: „Wir Oberösterreicher erhalten aber noch eine andere, besondere Auszeichnung für unsere Leistungen während der Kampfzeit. Nach Oberösterreich kommt das Konzentrationslager für die Volksverräter von ganz Österreich.“ 

„Nach Oberösterreich kommt das Konzentrationslager für die Volksverräter von ganz Österreich.“

Ehemaliger Gauleiter August Eigruber

Im April nahm die SS sodann Verhandlungen wegen des Erwerbs von Grundstücken in Mauthausen auf – und führten diese zu einem erfolgreichen Abschluss. Am 8. August trafen die ersten Gefangenen aus dem KZ Dachau ein. Die Anlage dehnte sich rasch aus: Je länger der Krieg dauerte, umso mehr Häftlinge wurden als Arbeitssklaven, etwa für die Rüstungsindustrie, eingesetzt. Alsbald galt Mauthausen als Konzentrationslager der Stufe III – mit den härtesten Haftbedingungen.

Seit 1941 war eine Gaskammer Teil der Tötungsmaschinerie. Viele Häftlinge wurden im Steinbruch über die berüchtigte Todesstiege gestoßen, fielen medizinischen Versuchen oder der Gewalt der Aufseher zum Opfer, etliche starben an Hunger, Krankheiten und Erschöpfung. Ihre Leichen wurden in eigenen Krematorien verbrannt – nicht jedoch, ohne ihnen vorab noch alles Wertvolle abzunehmen, wie Gold aus den Zähnen.

Als sich das Kriegsende abzeichnete, ergriffen die SS-Angehörigen in der Nacht auf den 3. Mai 1945 die Flucht. Die Wiener Feuerschutzpolizei übernahm die Bewachung des KZ. Am 5. Mai trafen erste Einheiten der US-Armee in Mauthausen ein – das mittlerweile auf mehr als 40 Außenlager angewachsen war. Der ehemalige Lagerkommandant Franz Ziereis wurde erschossen, der als „Doktor Tod“ bekannte KZ-Arzt Aribert Heim konnte sich absetzen. 61 Personen mussten sich 1946 in einem US-Militärprozess in Dachau verantworten. Der Großteil, unter ihnen der ehemalige Gauleiter von Oberdonau August Eigruber, wurde zum Tod verurteilt und hingerichtet, die übrigen bekamen lebenslange Haftstrafen.

Seit 1949 ist der Kernbereich des früheren KZ eine Gedenkstätte. Allen voran Schulklassen führt ihr Weg hierher – die Heranwachsenden sollen die Schrecken der Vergangenheit vor Augen geführt bekommen, um ein Vergessen zu verhindern.

„Sie werden geloben unverbrüchliche Treue der Republik Österreich, stete und volle Beobachtung der Verfassungsgesetze und aller anderen Gesetze und gewissenhafte Erfüllung Ihrer Pflichten.“

Angelobungsformel

Ein Datum wird bei diesen Führungen allerdings nur selten genannt: der 25. Oktober 1983. An jenem Tag wurden, wie jedes Jahr rund um den Nationalfeiertag, österreichische Grundwehrdiener angelobt. In der Regel erfolgt das Prozedere in der jeweiligen Kaserne, im Stadion oder am Wiener Heldenplatz (seines Zeichens ebenfalls ein Platz mit nicht unumstrittener Vergangenheit, verkündete Adolf Hitler hier doch am 15. März 1938 den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich). 1983 hingegen wurde (trotz heftiger Diskussionen im Vorfeld) entschieden, die Angelobung am Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Mauthausen bei Linz abzuhalten. 550 Präsenzdiener gelobten damals vor den Augen von Bundespräsident Rudolf Kirchschläger und dem freiheitlichen Verteidigungsminister Friedhelm Frischenschlager, ihr Vaterland und seine Bürger zu schützen und zu verteidigen.

Heute, knapp 75 Jahre nach der Befreiung der Gefangenen des Konzentrationslagers und fast 37 Jahre nach der Angelobung der Grundwehrdiener am Appellplatz in Mauthausen, hätte sich letzteres Szenario wiederholen können. Wie der „Kurier“ berichtet, hatte der mittlerweile ehemalige Verteidigungsminister Mario Kunasek (FPÖ) die Idee aufgebracht, am 30. April eine Angelobung in der KZ-Gedenkstätte durchzuführen. Unterstützt wurde der Vorschlag von Willi Mernyi, dem Vorsitzenden des Mauthausen Komitee Österreich (MKÖ): „Die Gedenkstätte ist an sich ein guter Ort, um für die Republik einzutreten.“

Eine Sichtweise, die die amtierende Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) nicht teilt. Der wissenschaftliche Beirat des Mauthausen Memorials, das beim Innenministerium angesiedelt ist, habe sich gerade gegen die Angelobung in Mauthausen ausgesprochen, ließ sie mitteilen. Das Areal sei ein „Friedhof“ und für militärische Feiern daher ungeeignet.

(hell/APA)