Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl
Serie

"Star Trek: Picard": Gelungene Rückkehr des zornigen alten Enterprise-Captains

Star Trek: Picard
Patrick Stewart spielt wieder Jean-Luc Picard(c) CBS (Trae Patton)
  • Drucken

Zwei Jahrzehnte nach seinem letzten Auftritt als Captain der Enterprise ist Patrick Stewart wieder als Jean-Luc Picard zurück. Er ist Pensionist, desillusioniert und wütend. Da bittet eine junge Frau um seine Hilfe. Ab Freitag auf Amazon Prime.

„Blue skies
smiling at me.
Nothing but blue skies
do i see.“

("Blue Skies", komponiert von Irving Berlin, 1926)
 

Es sind wahrhaftig blaue Himmel, die sich im Jahre 2399 über Château Picard spannen, das alte Familienweingut von Jean-Luc Picard im Örtchen La Barre in Frankreich. Das gibt es übrigens wirklich, sogar gleich mehrfach, wobei für die Picards primär zwei La Barres in der östlichen Region Burgund in Frage kommen, unweit von Besançon und der Schweizer Grenze, siehe hier eines davon.

Die blauen Himmel über der fantastisch schönen Kulturlandschaft leuchten indes auf einen Captain und zuletzt Admiral der Sternenflotte herab, in dessen Kopf es düster ist. Seit 14 Jahren ist er schon in Pension, die Abenteuer als Captain der Enterprise liegen Jahrzehnte zurück: Laut offizieller „Star Trek"-Zeitlinie begannen sie 2363/2364 (in der TV-Serie „Next Generation" bzw. „Das nächste Jahrhundert", Realzeit 1987-1994) und endeten 2379 mit dem zehnten und bisher letzten klassischen „Star Trek"-Film, „Nemesis" (2002).

Ortseinfahrt von La Barre, diesfalls von jenem im burgundischen Département Haute-Saône, um die 100 Einwohner.Marcel601/CC0
La Barre, Stammsitz und Weingut der Picards, befindet sich im Burgund unweit der Schweiz - und Vorarlbergs!GoogleMaps (Screenshot)

Doch damals, bei Nemesis, und auch danach, bis Picard 2385 aus dem Dienst schied, ist allerhand passiert. Schmerzhaftes. Man spürt eine Melange aus latenter Unruhe und Melancholie, wenn er mit seinem Hund „Nummer eins" (nach seinem früheren Ersten Offizier, Commander William Riker) zwischen den Rebstöcken spaziert und mit ihm französisch spricht; wenn er frühstückt, Earl Grey trinkt und ihm offensichtlich romulanische Haushaltshelfer sagen, er habe im Schlaf wirr geredet. Ob er schlecht geträumt habe?

Wenn man das Aufwachen hasst

Wir müssen die Antwort im sagenhaften Original des vielfach ausgezeichneten Picard-Darstellers aus der Royal Shakespeare Company, Sir Patrick Stewart, widergeben:

„The Dreams are lovely. It’s the waking up that i am beginning to resent".

Tatsächlich: Picard ist ein neuer, alter Picard. Und traurig. Sein Lebensfreund Data, der bleiche, in späteren Jahren sogar emotionsfähige Androide, ist seinerzeit in „Nemesis" gestorben – in einer Schlacht gegen einen von den Romulanern kreierten Klon von Picard, der in dessen Jugendjahren gesteckt war. Jetzt, in dieser Nacht anno 2399, hatte Picard (wieder einmal?) von einem Pokerspiel mit Data geträumt. Und den Song „Blue Skies" von Irving Berlin, der samt einer wunderbaren Fahrt durch den Kosmos die erste Folge des neuen „Star Trek"-Ablegers „Picard" einleitet, der nun auf Amazon Prime Video erscheint, hatte Data in Nemesis bei einer Hochzeitsparty gesungen - bevor er sein Leben für Picard opferte. 

Schuldgefühle also. Doch da ist mehr. Zorn etwa. Er bricht aus Picard an diesem Tag bei einem TV-Interview, das er nach eigenen Worten fürchtet wie einen Gang zur Guillotine, in seinem Haus heraus. Vor zwölf Jahren, 2387, hatte eine Supernova das Heimatsystem der Romulaner vernichtet. Wir kennen das aus dem Reboot-Movie „Star Trek" (2009), dort hatte ein bereits uralter Botschafter Spock noch erfolglos versucht, die Supernova rechtzeitig einzudämmen.

Picards vereiteltes „Dünkirchen"

Vor der absehbaren Katastrophe, so erfahren wir, baten die Romulaner, die langjährigen Feinde der Föderation, um Hilfe. Picard stellte eine gewaltige Rettungsflotte auf (für dieses „Dünkirchen", wie er sagt), aber noch vor ihrem Einsatz drehten Androiden („Synths") der Sternenflotte durch, griffen die Flotte an, zerstörten den Mars, es gab mehr als 90.000 Todesopfer. Die Rettungsaktion wurde abgesagt.

Wer die Planeten des Romulus-Systems verlassen konnte, floh. Viele Romulaner wurden zu Flüchtlingen, zu Migranten jedenfalls. So wie jene auf Château Picard.

Picard trat wegen des Abbruchs der Rettungsaktion zurück. Er hält das, wie er im Interview zunehmend erregt sagt, bis heute für ehrlos und kriminell. Die Sternenflotte sei nicht länger die Sternenflotte. Sie habe ihre Ideale verraten. Es sei um das Retten von Leben gegangen. „Romulanischer Leben ..." wirft die Interviewerin ein. „Nein: von Leben", antwortet Picard entgeistert. Später entgleist das Interview und er bricht es ab.

Der Grund für die mörderische Aktion der Androiden ist nach wie vor unbekannt. Sie wurden danach zerstört und verboten, ebenso wie der Bau neuer synthetischer Lebensformen. Auch das bedauert Picard.

Rufe des Abenteuers im Alterssitz

Sein Château ist dem rüstigen, mittlerweile 94-jährigen Ex-Admiral also ein herrlicher Alterssitz, aber den Emeritus der Raumfahrt plagt die Vergangenheit. Da steht Tage später eine wunderhübsche junge Frau aus Nordamerika im Garten, die sich Dahj nennt. Sie und ihr Freund, der dem britischen Trip-Hop-Musiker Tricky ähnelt, waren zu romantischer Stunde in einer Wohnung in Boston überfallen worden. Er überlebt das nicht, aber die Angreifer, die Dahj offenbar entführen wollen, auch nicht, denn die kleine Frau entwickelt plötzlich extreme Kräfte und tötet alle binnen weniger Sekunden.

Sofort danach erschien ihr im Geiste Picard. Und da, so sagt sie, wusste sie, dass sie ihn schon immer gekannt habe. Dass sie wisse, bei ihm sicher zu sein. Sie wisse zwar nicht, warum. Aber das sage ihr etwas, das ganz tief im Inneren verankert sein müsse.

Genug des Spoilerns. Nur so viel sei erlaubt: Es gibt im Sternenflottenarchiv in San Francisco tatsächlich ein von Data etwa im Jahr 2369 gemaltes Bild, das zeigt, wie er sich eine eigene Tochter vorgestellt hätte. Dahj und Picard werden in San Francisco von vermummten Typen auf einem Gebäudedach angegriffen, wobei Dahj durch Säure und eine Explosion getötet wird. Blöderweise findet die Polizei von diesem Überfall keine Spuren.

Picard beschließt, aus seinem Weingut aufzubrechen. Er warte hier ja doch auf das Sterben. Am Ende romulanische Schiffe und eine wunderhübsche junge Frau. In einem riesigen Würfel-Raumschiff der gefürchteten Borg.

Sir Patrick Stewart ist Mitproduzent

Nach den auch hinsichtlich des Publikumserfolgs mehr oder weniger mittelmäßigen (etwa „Deep Space Nine") bis üblen („Discovery") „Next Generation"-Nachfolgern (Achtung: persönliche Wertung) dürfte hier unter der Ägide von CBS und des Produzenten Alex Kurtzman etwas wirklich Spannendes, Tiefsinniges gelungen sein.

Dafür zeichnen als Produzenten und Autoren unter anderen auch Akiva Goldsman und Michael Chabon verantwortlich. Sir Patrick Stewart (Ritterschlag durch die Queen 2010) ist Mitproduzent. Und die ersten beiden Folgen wurden – Premiere! – erstmals von einer Regisseurin inszeniert, nämlich von Hanelle Culpepper (bisher ua. bei „Star Trek: Discovery", „Lucifer" und „90210").

Weniger Hektik, mehr Bodenständigkeit und Psychologie

Man spürt das Besondere schon an den langsamen Schnitten und Kamerafahrten, am Mangel an Hektik und dem vorerst spärlich eingesetzten Bumm-Krach, das neuzeitliche „Star Trek"-Filme und Serien leider in überzogener Dosis erfasst und lärmend verdichtet hat. Da sind diese satten, oft herbstlichen Farben, der Hang zur Düsternis und die trotz der fernen Zukunft technisch eher moderat futuristische, bodenständige Gestaltung irdischer Schauplätze.

Man habe nicht übertreiben wollen, sagt Kurtzman, von wegen fliegender Hochhäuser und solch Zeugs, habe einen „bodenständigen Ansatz" für eine „kontemplative Show" gewählt. 

Die Idee war grundsätzlich natürlich naheliegend: Nimm mit Jean-Luc Picard eine der charismatischsten Figuren des „Star Trek"-Universums und mache daraus eine Serie. 2017/18 hatte man das so richtig angedacht und Stewart, mittlerweile 79, nach einigem Zögern wieder an den Haken bekommen. Der gebürtige Engländer aus der Grafschaft Yorkshire, der dem Enterprise-Captain einen europäischen Touch gab und ihn auch deshalb so besonders machte, wird Picard aber „anders" spielen, als er war: verletzt, melancholisch, grüblerisch. Alternd. Aber nicht minder gebieterisch und entschlossen.

Plötzlich Raumfahrtgegner?

Allerdings irritieren jüngste Aussagen Stewarts, der in dritter Ehe verheiratet ist, zwei Kinder hat und meist in New York lebt: Er hat sich vor Tagen in Berlin dafür ausgesprochen, die Raumfahrt einzustellen. Man solle nicht das All erkunden, sondern sich um die Erde kümmern; die Raumfahrtbudgets etwa der USA und Russlands seien dort besser investiert und es würden ja nur „Regierungen" ihren Nutzen aus der Raumfahrt ziehen.

Star Trek: Picard
Evan Evagora als Elnor, Alison Pill als Dr. Jurati, Patrick Stewart as Jean-Luc Picard(c) CBS (Trae Patton)

Nun ja: Dass ein Captain der Enterprise einmal in die retrograde „Schulen-und-Krankenhäuser-statt-Raumfahrt"-Litanei einstimmt, ist erstaunlich. Dabei kann das nicht ein Entweder-Oder sein. Raumfahrtbudgets etwa der Nasa (aktuell rund 22 Milliarden Dollar pro Jahr) sind im Vergleich schon allein zu Rüstungsausgaben auch nicht so weltbewegend groß, als dass man auf ihre Umleitung nicht verzichten könnte. Und die irdisch relevante Bedeutung von Raumfahrt und Weltraumforschung müsste im 21. Jahrhundert eigentlich jedermann vernünftigen Geistes klar und unbestritten sein. Egal. Aber diesfalls: Nein, wir machen es nicht so, Captain!

Zentralfigur unerwartet gut besetzt

Jedenfalls ist mit der 21-jährigen gebürtigen Britin Isabella Briones, Tochter einer amerikanischen Mutter und eines philippinischen Vaters aus dem Schauspielbusiness, in der Rolle der Dahj den Machern der Amazon-Serie, die vorerst zwei Staffeln zu je zehn Folgen umfasst, ein guter Wurf gelungen. Die junge Frau mit vorwiegend Musical- und Theaterhintergrund spielt ihre Schlüsselrolle packend und ohne die bei ihr naheliegende Gefahr, süßlich zu wirken.

Die ungewöhnlich herbe Israelin Maya Eshet wiederum wird man in ihrer Rolle als holografisches Interface des Sternenflottenarchivs hoffentlich wiedersehen. Sicher ist das übrigens bei Commander Riker (Jonathan Frakes), Data (Brent Spiner), Deanna Troi (Marina Sirtis) und der früheren Borg-Drohne Seven of Nine (Jeri Ryan).

Alles in allem: Live long and prosper!

 

„Star Trek: Picard“, ab 24. Jänner auf Amazon Prime