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Lentos Museum

Jakob Lena Knebl: „Mich interessiert das Grenzwertige“

(c) Christian Benesch, Courtsey of Jakob Lena Knebl
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Das Lentos Museum in Linz widmet Jakob Lena Knebl eine umfassende Einzelausstellung, für die die Künstlerin neue genreübergreifende Raumcollagen gestaltet.

In den Installationen, Szenografien, Skulpturen und Fotoarbeiten Jakob Lena Knebls wird lustvoll montiert, kreiert, travestiert und kuratiert – ohne Berührungsängste, mit raumfüllendem Körpereinsatz und viel Witz. Da findet sich Kubistisches auf barockem Körper, werden kanonische Kunstwerke aus Sammlungen wenig zimperlich gedreht und gespiegelt, wird eine ­Giacometti-Figur in ein rotes Kleid gesteckt und werden Henry-Moore-Köpfe kurzerhand auf Puppenskulpturen platziert.

Für Jakob Lena Knebl ist die Verschränkung von Kunst und Design, von Mainstream und Hochkultur notwendig, um zusammenzubringen, was kein Widerspruch sein muss, und damit eta­blierte Kategorien aufzubrechen. Sie spielt mit Genres, Materialitäten, Normen und Identitäten: Moore und/oder Latex, Stahl und/oder Wolle, Jakob und/oder Lena? Alles geht. Das Bürsten gegen den Strich, die schräge oder aber auch queere Neukontextualisierung von Objekten, Körpern oder Rollen präsentiert sich in den Arbeiten der Künstlerin als produktives Verwirrspiel oder auch ironisches Vexierbild.

Nach zehn Jahren in der Altenbetreuung studierte Knebl in Wien bei Heimo Zobernig an der Akademie der bildenden Künste textuelle Bildhauerei und bei Raf Simons an der Universität für angewandte Kunst Mode. Knebls Materialfetischismus und ihr Faible für Körper, Körperlichkeit und Verkörperungen haben dort ihre Ursprünge. So findet sich stets eine sinnliche Komponente in ihren Arbeiten – angefangen von der omnipräsenten Materialopulenz, der Lust an theatralischen Szenografien, ihren Begehrensräumen bis zu Travestiemomenten.

Raumgefühl. Trat Knebl anfangs vor allem mit Performances und Fotoarbeiten in Erscheinung, wandte sie sich in der Folge verstärkt installativen Arbeiten zu – der Raumbezug wurde ihr immer wichtiger. Denn der Raum mit all seinen funktionalen, auratischen und narrativen Möglichkeiten spielt eine spezifische Rolle in „Mensch-Ding-Beziehungen" bzw. „Mensch-Atmosphären-Beziehungen". So bezeichnet Knebl ihre Installationen als „Begehrensräume" und „Raumcollagen". Dabei setzt sich die Künstlerin mit den unterschiedlichen Erscheinungsformen von Körpern im Raum auseinander: als Skulptur im Kunstkontext, als Kleiderpuppe in Schaufenstern, als Sammlerpuppe oder Fetischpuppe: „Wie stellt sich der Körper in verschiedenen Kontexten dar und welches Material macht da auch das Genre und die Kategorisierung aus?" Auf der Transformation und Transgression dieser Kategorien, Rollenbilder, Materialien und Genres liegt Knebls inhaltlicher Fokus – denn „diese installativen Arbeiten sind auch Teile meiner Identität, bilden etwas ab, machen etwas im Außen sichtbar von mir".

Einem demokratischen Kunstverständnis verpflichtet, versucht Jakob Lena Knebl immer wieder den akademischen Kontext zu verlassen, Bilder aus dem elitären Raum in den Alltag zu bringen sowie Alltagsobjekte in ihre Installationen hineinzubringen. „Ich möchte ganz bewusst Kontakt haben, wissen, wer kommt und das sieht. Missverständnisse ausräumen, etwas näherbringen, niederschwellig vermitteln." Ihre unprätentiöse Herangehensweise zeigt sie in ihrer Mitwirkung an Kunst im öffentlichen Raum (KÖR), ihrer pädagogischen Arbeit, ihrer Designtätigkeit in Kooperation mit dem Modelabel House of the Very Island’s und ihrer intensiven Auseinandersetzung mit Alltagsgegenständen und popkulturellen Referenzen – denn der Alltag ist laut Knebl „ein mächtiger Ort".  Momentan bezieht sich die Künstlerin verstärkt auf die Siebzigerjahre – auch in Vorbereitung auf ihre Soloausstellung im Lentos Museum in Linz, die ab Anfang Februar zu sehen ist. An dieser Epoche interessiert sie neben den gesellschaftlichen Visionen, Utopien, Befreiungskämpfen bzw. Bürgerrechtsbewegungen auch „das Lebensgefühl, das uns nachhaltig verändert hat" und welches sich in Design, Kunst und der Popkultur jener Ära widerspiegelt.

„Dinge, mit denen du dich befasst, werden immer auch zum Teil deiner selbst.“

Sinn für Humor. Für die Ausstellung wird sie Werke aus der Lentos-Sammlung in 70er-Jahre-Tapeten verschwinden lassen, sich in Bastelbücher ihrer Kindheit montieren und Wohnungsinterieur als Museumsdisplay installieren. Denn wie Dinge auf unsere jeweilige Identität einwirken und diese mitgestalten, ist für Knebl von großem Interesse: „Welche Geschichten über uns erzählen wir über die Kleidung, die wir tragen, oder über die Kunst, mit der wir uns umgeben? Welchen Begehren verleihen wir damit Ausdruck?"

Um das zu vermitteln, setzt Knebl unter anderem auf Humor. Der ermöglicht den Kontakt sowohl zwischen Hochkultur und Popkultur als auch den zwischen Kunstschaffender und Publikum, denn „gerade schwierige Dinge bierernst zu vermitteln macht für mich keinen Sinn. Das ist nicht meins." Wobei Humor, gerade in der Kunst, etwas höchst Riskantes sei: „Wer darf denn überhaupt witzig sein? Das finde ich spannend."

Kunstreferenzen. Genau hier liege aber die transformatorische Kraft, die entsteht, wenn man aus dem Systemrahmen fällt, meint die Künstlerin mit Faible für Slapstick, Comedy und Kabarett. Die ironische Brechung ist ein Markenzeichen, das Knebl nicht zuletzt in ihrer Louis-de-Funès-Hommage mit Ashley Hans Scheirl bei der Biennale in Lyon (2019) einbrachte und derzeit in ihrer Einzelausstellung in der Galerie Georg Kargl Fine Arts in Wien. Humoristische Elemente gab es auch bei ihrer kuratorischen Arbeit für das Mumok (2017), für die sie auf die Liste der einflussreichsten Kuratoren des Jahrzehnts gesetzt wurde (Artnet News). 

Jakob Lena Knebls Bedürfnis nach Erweiterung des eigenen Radius und die Möglichkeit, sich immer wieder auch zu verändern, sind groß. Deshalb schätzt sie bei ihrer Arbeit die Abwechslung zwischen Soloprojekten, Künstlerkooperationen als auch kuratorischer Arbeit. Bei Letzterer setzt sie auf „demokratisches Kuratieren" als Nebeneinander von High und Low und in Verschränkung mit ihrer eigenen Arbeit. Denn Experimentierlust, Neugier, Erstaunen, das Sich-Einlassen und Begeisterungsfähigkeit sind die Triebfedern von Knebls Arbeiten: „Bei den Ästhetiken, mit denen ich arbeite, gibt es oft Dinge, die ich anfangs schwierig fand. Erst durch die wiederholte Auseinandersetzung verringert sich der Abstand, bis ich mich damit identifizieren kann."

Das Vermitteln und der Respekt anderen künstlerischen Werken gegenüber, die sie inspirieren, sind Knebl wichtig. Diese werden dann in ihren Ausstellungen auch sichtbar gemacht, etwa wenn sie selbst in einer inszenierten Fotografie als Picasso oder Mon­drian erscheint. Denn einer ihrer Grundgedanken lautet, „dass Dinge, mit denen du dich befasst, auch immer zu einem Teil deiner selbst werden".

Tipp

„Frau 49 Jahre alt". Das Lentos in Linz zeigt ab 7.  2. die Einzelausstellung, am 7.  2. und am 5.  3. finden Künstlerinnenführungen statt. Publikumsgespräch „Über Identität und Inszenierung" am 20.  2., www.lentos.at

("Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 24.01.2020)