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Möbelmesse

Möbelneuheiten der IMM Cologne

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Die erste Hauptversammlung des Jahres: Auf der IMM Cologne in Köln kommen die ersten Möbelneuheiten auf die Bühne.

Alles ist ohnehin so international, auch die Möbelbranche, da erscheint es schon ganz egal, wo man sich eigentlich trifft. Omnipräsent ist es ja, das Design. Stimmt. Und stimmt nicht ganz in Köln. Denn nur hier stolpert man über Obelix, bevor man in die Messehallen schlüpft. Hier tobt der Karneval, lang bevor uns klar wird, dass überhaupt Fasching ist. Die IMM Cologne selbst, die erste Möbelmesse des Jahres und die zweitgrößte nach dem Salone del Mobile in Mailand, ist deutlich nüchterner. Als Obelix sowieso. Aber auch nüchterner als viele andere Möbelevents des ­Jahres.

Und auch das könnte an der geografischen Lage liegen. Die niederländischen Labels und Hersteller zeigen deutliche Präsenz. Auch Skandinavien kann nicht mehr gar so weit weg sein – die Möbelunternehmen aus dem Norden lassen schon einiges aufblitzen, was sie bald auf ihrer „Hausmesse" in Stockholm so richtig ins Rampenlicht stellen werden. Italien und seine Gestaltungssinnlichkeit trennen von hier jedenfalls Hunderte Autobahnkilometer und die Alpen. Doch seit ein paar Jahren begrüßen auch die großen Brands aus Brianza und rundherum gern wieder mit riesigen Messeständen das neue Jahr. Und die Besucher.

Denn hier in Köln bleibt noch Zeit für „Hallo, lang nicht gesehen" und Platz, um ein paar Hinweise auf das Event Mailand im April in der kurzen Aufmerksamkeitsspanne der Beobachter zu platzieren. Innerhalb des Feldes des Designs, das sich um die wohlbehütetste Blase des Menschen kümmert: das Wohnen. Und das Cocooning dürfte endgültig vorbei sein, denn alles scheint sich schließlich doch nach außen zu stülpen. Vor allem die Wohnkonzepte, schon die Previews der italienischen Hersteller verheißen: Was nicht irgendwie fix innen verbaut oder verankert ist, wird nach draußen geschickt, in Form einer Outdoorkollektion. Sogar die Sofamodelle, auf denen man früher sich nicht einmal getraut hätte, ein Glas Wasser zu trinken, rücken in den spritzwasserresistenten Bereich.

Grüne Geschichten. Auch die Installation „Das Haus" nahm das Thema „von drinnen nach draußen" mehr als ernst. Jedes Jahr kuratiert ein anderes Designbüro die Wohnszenerie, in der die unsichtbaren Schwingungen und unausgesprochenen Trends der Gestaltungsbranche einmal so richtig kondensieren dürfen. Diesmal rief das spanische Designteam von MUT die Devise aus: „A la Fresca", ein visionäres Wohnkonzept, das das Innere nach außen blendet und zur Natur öffnet, in einem minimalistischen Pavillon aus Kreisen, Quadraten und hybriden Räumen angelegt. Alles zu vereinen – eine Grundsehnsucht, die in der Kategorie der hybriden Möbel schon einmal erfolglos ausgelegt wurde von der Designbranche. In der Architektur hat das Konzept aber vielleicht mehr Zukunft.

Es war unvermeidlich: Die Möbelbranche versucht ansatzweise, tatsächlich in eine Zukunft zu schauen, die weiter weg ist als die Neuauflage derselben Messe im nächsten Jahr. Plastik wird inzwischen auch in Einrichtungssphären durchaus skeptisch beäugt. Das generiert natürlich extremen Handlungsbedarf vor allem für jene, die erst durch Kunststofftechnologie groß geworden sind. Wie der italienische Hersteller Kartell etwa. Mit Greenwashstrategien hält er sich nicht lang auf, wenn er auf einem Messenebenschauplatz sein Image zurechtrückt: in Form des Stuhls „A.I.": Der erste Stuhl von Kartell, für den recycelte Materialien verwendet werden. Bei anderen Unternehmen in den Messehallen ist diese Ansage dafür beinahe zum selbstverständlichen Stehsatz geraten.

Analog muss das Möbeldesign nicht extra werden: Ein Startvorteil.

Langes Leben. Plastik ist für die Ewigkeit gemacht, ein Fluch für den Planeten, aber durchaus ein Faktor, der in der Gestaltung nützlich sein kann. Denn gerade im Möbelsektor ist das Design ohnehin meist auf nicht viel weniger als Langlebigkeit angelegt. Jedenfalls kommt kaum ein Hersteller ohne Statement zum Thema Nachhaltigkeit aus. Manche formulieren es nur mit Worten. Andere auch, indem sie Teppiche auslegen: Wie etwa der dänische Hersteller Ferm Living, der die seinen aus recycelten Plastikflaschen herstellt. Das Unternehmen Walter Knoll lässt sich inzwischen die klimaneutrale Produktion zertifizieren. Und bezieht sich noch dazu auch gern auf den „Less is more"-Gedanken. Nicht nur ressourcentechnisch, sondern auch ästhetisch, wie auch die neuen Entwürfe zeigen.

Ebenso möchte das Label Zeitraum seine Position durch einen „Furniture Footprint" nachvollziehbar machen. Gerade diese „Öko-Storys" dürften auch jene narrativen Stränge sein, an denen die Möbelkonsumenten in ­diesem Jahr umso mehr ihre Kaufentscheidungen an­knüpfen.

Und noch eine Tendenz kommt wenig überraschend: Schließlich ist die Digitalisierung in eine Ära gerutscht, in der die Konzerne, die sie betreiben, gleichzeitig den Usern Digital-Detox-Programme verordnen. Im Möbeldesign heißt das: so analog wie möglich zu sein. Ein Startvorteil für die Branche, denn sie war analog von Anfang an. Und weil man im Marketing immer noch einen Komparativ drauflegen kann, den es im Grunde gar nicht gibt: Heute ist sie noch analoger. Denn Holz allein dürfte nicht natürlich genug gewesen sein. Da muss inzwischen schon Stein herhalten. Als solide Basis der geerdeten Verankerung mit der Welt, vor allem in Form von Tischen, ihren Füßen und Oberflächen.

Was sich stofflich dazwischen und darüber spannt, ist augenscheinlich auch in einen Farbtopf gesprungen: in Cremetöne. Vor allem auch die gepolsterten Möbel. Und unter ihnen wiederum die Sofas, denen man gern das aktuelle Wunderwort ­voranstellt: modular. Weniger als Teil eines ausgeklügelten Baukastens möchte kaum ein Modell sein. Insbesondere nicht, um sich individuellen Wünschen anzu­passen. Sondern unterschiedlichen räumlichen Bedingungen.

("Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 24.01.2020)