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Roman

„Violet“: Die Frau mit der Sticknadel

(c) Atlantik
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Tracy Chevalier, Autorin von "Das Mädchen mit dem Perlenohrring", erzählt in "Violet" vom Schicksal unverheirateter Frauen im England der 1930er Jahre.

Violet Speedwell ist eine "Miss" - und das ist im kleinstädtischen England der 1930er Jahre mehr als nur eine Anrede. Es kommt der Verbannung in die zweite oder gar die dritte soziale Liga gleich, hinter den Ehefrauen und den Witwen. Noch dazu ist Violet bereits 38 Jahre alt und steht damit auf dem Heiratsmarkt auf verlorenem Posten. Denn der Erste Weltkrieg hat England praktisch einer ganzen Generation junger Männer beraubt. Sie waren Söhne, Brüder, Ehemänner und Verlobte. Zurück blieben Mütter, Schwestern, Ehefrauen und Versprochene - vereint im Schmerz, getrennt durch einen Wettbewerb der Trauer.

In dem ist auch Violet gefangen, ihre dominante Mutter nimmt das Privileg des Kummers um den gefallenen Sohn und den verstorbenen Ehemann für sich in Anspruch. Dass Violets Leben mit dem Tod ihres Verlobten ebenfalls zerschellte, spielt da keine Rolle. Als sie es daheim nicht mehr aushält, übersiedelt Violet von Southampton nach Winchester, wo sie eine Sekretärinnenstelle annimmt. Doch die Freiheit, die sie suchte, will sich nicht so richtig einstellen. Erstens ist Winchester sehr überschaubar und damit nicht für flüchtige Affären an Hotelbars geeignet, zweitens reicht Violets Verdienst gerade für das Nötigste und drittens wird ihr von ihren Geschlechtsgenossinnen sehr schnell klar gemacht, dass sie als unverheiratete Frau vor allem zuzuhören hat.

Ein Ausweg aus dieser tristen Situation eröffnet sich, als sie zufällig die "Broderinnen" kennenlernt, einen Klub von Stickerinnen, der die Kathedrale von Winchester mit Knie- und Sitzkissen verschönert. Dort trifft sie auf einen Querschnitt der englischen Mittelschicht: gnadenlos ehrbare Ehefrauen, verschrobene alte Jungfern, unkonventionelle Mädchen - und vor allem auf Louisa Pesel. Sie ist die treibende künstlerische Kraft hinter dem Stickprojekt; ihrer Großzügigkeit hat Violet auch ihre freundliche Aufnahme zu verdanken. Bald lernt Violet, dass man über seinen eigenen Schatten springen muss, um sich persönlich weiter zu entwickeln. Dazu trägt auch die Begegnung mit dem wesentlich älteren, verheirateten Arthur bei, einem Mitglied der Winchester "bell-ringers", der Glockenläuter. Violet erkennt, dass Glück viele Gesichter haben kann und nicht immer den gesellschaftlichen Normen entspricht.

Autorin Tracy Chevalier hat sich auf historische Stoffe rund um unkonventionelle Frauenschicksale spezialisiert. Ihr erster Roman, "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" über den Maler Vermeer und seine Muse, wurde ein Welterfolg und mit Colin Firth und Scarlett Johansson verfilmt. Auch in "Violet" orientierte sich die für ihre penible Recherche bekannte Chevalier an realen Personen. Louisa Pesel etwa gab es wirklich, ihre Entwürfe können in der Universität von Leeds bewundert werden. Die Leserinnen - es hilft, wenn man bei "Hexenstich" eher nicht an Rückenschmerzen denkt - kommen sowohl in den Genuss einer gründlichen Führung durch englische Kathedralen und die soziale Bedeutung von Kirchen bis in die Gegenwart als auch jeweiles eines Grundkurses in Sticken und in Glockenläuten.

"Violet" ist ein quintessenzieller englischer Roman, und zwar über jene Zeit, nach der sich erzkonservative "Brexiteers" wohl zurücksehnen - als Frauen ihren Platz kannten und Männer sie im Zweifelsfall ungestraft daran erinnern konnten. Den Mutigen, die ihren eigenen Weg wagten, setzt Chevalier hier ein Denkmal - wenn auch mit kleinen Schwächen. Die Entwicklung ist zum Teil vorhersehbar und eine Nebenhandlung, die für Spannung sorgen soll, wirkt künstlich implantiert. Insgesamt aber ist "Violet" höchst anregende Gesellschaft.

Tracy Chevalier: „Violet“, übersetzt von Anne Rademacher, Atlantik Verlag, 352 Seiten, 16,50 Euro