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Psychologie

Beim Spielen arbeiten die Gehirne im Gleichklang

(c) imago/Westend61 (Josep Rovirosa)
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Wenn Mutter und Kind ein Puzzle gemeinsam lösen und dabei aufeinander eingehen, synchronisieren sich die Gehirnaktiväten der beiden. Je mehr das Kind sich einbringt, umso stärker wird die Synchronisation.

„Wart, vielleicht passt dieses Teil besser?“ Wenn Eltern mit Kindern Puzzles lösen, merkt man auch an der Kommunikation, ob sie sich gut aufeinander einstimmen und die Zusammenarbeit klappt – oder ob einer dabei schreit: „Nicht da!“

Forscherinnen der Uni Wien nahmen die alltagsnahe Situation als Basis für eine Studie, wie sich die Gehirnaktivität von Mutter und Kind synchronisieren kann. Über 40 Mutter-Kind-Paare durften im Labor an einem Tisch gegenüber sitzend Tangram-Puzzles lösen. Entweder gemeinsam oder jeder für sich, getrennt durch eine blickdichte Wand. Dabei hatten sie verkabelte Hauben auf, die zwar wie EEG aussehen, aber die Gehirnaktivität nicht anhand der elektrischen Wellen messen, sondern an der Sauerstoffversorgung der Zellen. Funktionelle Nah-Infrarot-Spektroskopie (fNIRS) nennt sich diese Bildgebung, mit der man dem Hirn quasi beim Denken zuschauen kann. Besonders die Regionen im Schläfenlappen und Frontalhirn waren bei dem Setting interessant, weil dort das Fassen gemeinsamer Absichten, die gegenseitige Perspektivenübernahme und die Selbstregulation verortet werden.

„Ähnliche Versuche gab es bereits mit Erwachsenen, wobei sich gezeigt hatte, dass die Gehirnaktivität stärker synchron war, wenn die Menschen von Angesicht zu Angesicht kommunizierten statt voneinander abgewandt“, sagt Trinh Nguyen, die gemeinsam mit Stefanie Höhl vom Institut für Psychologie der Entwicklung und Bildung die Studie durchgeführt und im Journal Cortex (20. 12.) publiziert hat. Bei Erwachsenen gab es auch Belege, dass Partner sich besser synchronisieren als Freunde und die wiederum besser als einander fremde Menschen.

„Aber für die Eltern-Kind-Interaktion war der Versuch in einer alltagsnahen Situation noch nicht gemacht worden“, bestätigt Nguyen. Die Gruppe von Stefanie Höhl, die teilweise aus dem Max-Planck-Institut in Leipzig vor zwei Jahren mit nach Wien übersiedelte, ist spezialisiert auf die Erforschung der Eltern-Kind-Bindung und Entwicklung und wollte diese Forschungslücke schließen. Die Probanden waren jeweils die leibliche Mutter und ihr Kind – im Alter von circa fünf Jahren (19 Buben und 23 Mädchen).

Es zeigte sich, dass die Gehirnaktivitäten in Schläfenlappen und Frontalhirn bei den Versuchspaaren synchroner abliefen, wenn das Tangram-Puzzle gemeinsam gelöst wurde, vor allem wenn beide spontan aufeinander eingingen. Beim Puzzeln für sich selbst, ohne die Einbindung des andern, machten die Gehirne jeweils ihre eigene Sache. Auch in den Pausen am Versuchstisch entstanden kaum synchrone Gehirnmuster.

 

Mütterlicher Stress hemmt

Die Mütter wurden nach ihrem eigenen Stresslevel befragt: Je höher dieses war, umso weniger synchron waren die Gehirne von Mutter und Kind. „Uns hat überrascht, wie stark die Rolle des Kindes die Intensität der Synchronisation bestimmt“, erzählt Nguyen. Je mehr sich das Kind in das Spiel einbrachte, umso stärker wurde der Gleichklang der zwei Gehirne.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Synchronisation bei der Koordination zwischen zwei Menschen wichtig ist. Wir vermuten, dass sie bei Vorschulkindern das soziale Lernen fördern kann, also das Lernen durch und von anderen Menschen“, so Nguyen. In einer Folgestudie soll der Versuch nun mit Vätern und ihren Kindern wiederholt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2020)