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Stadtplanung

Wien soll sich als Stadt der Brücken positionieren

Auch die Brücken am Donaukanal sollen in den nächsten Jahren saniert werden.
Auch die Brücken am Donaukanal sollen in den nächsten Jahren saniert werden.(c) NurPhoto via Getty Images (NurPhoto)
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In den nächsten Jahren müssen 50 Brücken saniert werden. Die Wirtschaftskammer würde die vielen Brücken in Wien gern auch touristisch vermarkten.

Wien. Es weiß zwar niemand, aber Wien ist eine Stadt der Brücken. Immerhin gibt es hier insgesamt 1716 Brücken, während Amsterdam auf 1300 kommt, Berlin auf rund 1000 und (das wesentlich kleinere) Venedig auf rund 400 Brücken. „Brücken sind in Wien ein exotisches Thema. Niemand beschäftigt sich damit, weil sie so selbstverständlich sind“, sagt der Wiener Standortanwalt Alexander Biach.

In den nächsten Jahren sollen allerdings 50 dieser Wiener Brücken saniert werden – beziehungsweise „Instandhaltungsmaßnahmen gesetzt werden“, wie die zuständige Magistratsabteilung MA 29 das lieber nennt. Das liegt vor allem daran, dass viele Brücken im Zweiten Weltkrieg zerstört, in den 1950er-Jahren wiederaufgebaut wurden und nun an das Ende ihrer Lebensdauer gelangt sind, die für eine Brücke bei 80 bis 100 Jahren liegt. Rund 200 Millionen Euro sind für die Instandsetzungen und teilweise Neubauten der 50 Brücken für die nächsten Jahre veranschlagt. Die größte der sanierungsbedürftigen Brücken ist übrigens die Heiligenstädter Hangbrücke, bei der bereits im Vorjahr Vorbereitungsmaßnahmen für den Neubau gesetzt wurden („Die Presse“ berichtete). Die Westausfahrt wird ebenso erneuert. Und auch die Franzensbrücke, die Schwedenbrücke und die Salztorbrücke am Donaukanal müssen repariert werden.

Der bei der Wiener Wirtschaftskammer angesiedelte Standortanwalt hat sich die Wertschöpfung der Sanierungen durchgerechnet. Abgesehen davon, dass die Sanierungen allein aus Sicherheitsgründen notwendig sind, seien diese auch ein gutes Geschäft für den Standort und den Steuerzahler, wie Biach meint. „Rund die Hälfte der Gelder kommt in Form von Steuern und Sozialversicherungsabgaben zurück“, so Biach. Außerdem fließen knapp 124 Millionen als Bruttowertschöpfung in die Stadt zurück und noch einmal 134 Millionen in den Rest Österreichs. In Wien sollen durch die Sanierungsmaßnahmen rund 1250 Arbeitsplätze geschaffen werden, rechnet Biach vor.

 

Golden Gate Bridge für Wien

Neben der Notwendigkeit und Wirtschaftlichkeit der Sanierung hat der Standortanwalt aber noch ein weiteres Anliegen. Er will die Sanierungen auch gleich dafür nutzen, die Wiener Brücken wieder mehr ins Bewusstsein zu rücken – etwa durch spezielle Beleuchtungskonzepte, die etwa die Brücken beim Donaukanal zu einem beliebten Fotomotiv machen könnten. Biach vergleicht das mit der Weihnachtsbeleuchtung, die zahlreiche Touristen anzieht und der Stadt wirtschaftlich dadurch einiges zurückgebe.

Die Nordbahnbrücke könne er sich gar als „eine Art Golden Gate Bridge von Wien“ vorstellen. Sie müsste durch den geplanten Ausbau der Schnellbahn-Stammstrecke ohnehin verstärkt werden. Das will Biach zum Anlass nehmen, die Brücke mithilfe eines Architekturwettbewerbs zu einem „architektonischen Schmuckstück“ zu machen.

Der Standortanwalt hat den Bericht zum Wiener Brückenprogramm an Bürgermeister Michael Ludwig sowie an Vizebürgermeistern Birgit Hebein übergeben. Er hofft, dass die Anregungen im Brückensanierungsprogramm berücksichtigt werden. 826 der Wiener Brücken werden übrigens von der MA 29 betreut, der Rest teilt sich auf Wiener Linien, ÖBB und Asfinag auf.

Dass Wiens Brücken kein ähnliches Schicksal wie jener in Genua bevorsteht (die im August 2018 eingestürzt ist), ist übrigens dem Wiener Brückenschutzprogramm zu verdanken, das eine laufende Überprüfung und Sanierung der Bauwerke vorsieht. Dieses wiederum wurde nach dem Sturz der Reichsbrücke 1976 eingeführt. (ks)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2020)