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Neulich im Propagandaministerium

Für den ORF ist Arigona Z. Opfer einer „Vertreibung“. Tatsächlich Vertriebene werden das wenig witzig finden.

Der ORF hatte in den vergangenen Tagen gleich zwei große Chancen zu beweisen, dass sich seine Kritiker irren und er, wenn es darauf ankommt, ja doch zu intelligentem, ausgewogenem und damit öffentlich-rechtlichem Journalismus im besten Sinne imstande ist: den Tod von Hans Dichand und die Eskalation des Dramas der Familie Zogaj.

In beiden Fällen hat der ORF komplett versagt. Im Fall des toten Zeitungszaren geradezu spektakulär, indem die Anstalt eine Dokumentation über Dichand sendete, die wirkte wie ein Porträt des weißrussischen Alleinherrschers, aufgenommen vom staatlichen weißrussischen Fernsehen für den Fall des Hinscheidens des Potentaten. Damit, schrieb Hans Rauscher im „Standard“ völlig zu Recht, hat „der ORF einen guten Teil seiner Kompetenz als Informationsmedium abgegeben“.

Allfällige Reste dieser Kompetenz entsorgte die Anstalt wenige Tage später im Zuge der Berichterstattung über die nahende Abschiebung der Familie Zogaj. „Die Chronik einer Vertreibung“ nannte der ORF einen Beitrag des Magazins „Thema“ dazu. Unter „Vertreibung“ versteht man freilich gemeinhin eine Art ethnischer (oder religiös motivierter) Säuberung, also einen Akt staatlicher Willkür und gewaltsamer Unterdrückung. „Vertreibung“ war (unter anderem), was die Serben den Kosovaren im Jugoslawien-Krieg antaten. „Vertreibung“ insinuiert Unrecht, begangen an den Vertriebenen.

Nun mag man die Abschiebung der Zogajs unmenschlich, herzlos oder unsinnig nennen – aber dass sie rechtlich korrekt ist, bestreitet wirklich niemand. Dass der Staat die Familie in den Kosovo zurückschickt, ist damit das genaue Gegenteil einer „Vertreibung“, nämlich Ergebnis eines rechtsstaatlichen Verfahrens. Das ist keine semantische Petitesse, sondern jene Methode der Manipulation, mit der normalerweise Propagandaministerien arbeiten: Wenn die Zogais „vertrieben“ werden, dann kann man genauso gut Osama Bin Laden einen „Freiheitskämpfer“ nennen.

Vermutlich ist es schlichte Sympathie für den Gegenstand der Berichterstattung und Antipathie der strengen Innenministerin gegenüber, die zu derartigem journalistischen Versagen führt. Journalistisches Versagen ist es trotzdem. Sollte dem ORF die Abwendung von Arigonas „Vertreibung“ tatsächlich ein großes Anliegen sein, könnte er das im Übrigen leicht ermöglichen: indem er der hübschen, bekannten jungen Frau einen Job als Nachwuchsmoderatorin, etwa in einer Sendung für Migranten, anbietet, ihr dafür rund 2500Euro im Monat zahlt und damit bewirkt, dass sie ein Visum für sogenannte Schlüsselkräfte bekommen kann. Für ein Unternehmen, dem die Politik gerade 170Millionen Euro Nachschlag bewilligt hat, sollte das eigentlich vorstellbar sein.

Christian Ortner ist Journalist in Wien.

christian-ortner@chello.at

www.ortneronline.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2010)