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Dokumentation

Wunderliche Geschichten aus der Innenstadt

„Die Melancholie der Millionäre“: eine im besten Sinne merkwürdige Doku.

Geld macht nicht glücklich, lautet ein umstrittener Gemeinplatz. Auf eine Variation davon können sich die meisten einigen: Geld allein garantiert kein Glück.

Doch was dann? Eine Frage, die die Protagonisten von Caspar Pfaundlers im besten Sinne merkwürdigem Dokumentarfilm „Die Melancholie der Millionäre“ seit Langem beschäftigt. Der 61-jährige Filmemacher („Schottentor“) trifft sie in ihrem Wohnrefugium im 1. Wiener Gemeindebezirk – und lässt sie in langen Einstellungen diskutieren und erzählen.

Allen voran den einstigen Juristen Dr. H. Er hat viel erlebt, weilte in Indien und den USA, war Bhagwan-Apostel und Patentbeamter. Von einer Familienfreundin hat er ein Zinshaus geerbt, wo er nun allerlei exzentrische (Langzeit-)Besucher unterhält. Kein fixes Bild fügt sich aus den teils wunderlichen, teils bitteren Anekdoten des deklarierten Depressiven. Soll es auch nicht. Es geht eher um ein österreichisches Sitten- und Seelenmosaik, dessen wehmütiges Muster sich im Laufe von 82 kurzweiligen Minuten auf allerlei Gesprächsumwegen herauskristallisiert. Und nicht zuletzt um ein Stück versteckter Stadtgeschichte. Dass die Ästhetik spartanisch bleibt („Cinema Povero“ heißt Pfaundlers Produktionsfirma), passt zum Kontrast zwischen materiellem Wohl- und emotionalem Notstand.

Der Film läuft noch bis 4. März im Wiener Metro-Kino. Im Vorprogramm: „Frau Maria und die Liquidierung der Stoffhandlung Stastny“. Ein kurzes Komplementärwerk, das den schwindenden Spuren des jüdischen Textilviertels um den Rudolfsplatz ein kleines, aber feines Denkmal setzt. (and)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2020)