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Wiener Linien: Die neuen Schwarzkappler

Wiener Linien neuen Schwarzkappler
Fahrscheinkontrollore(c) Michaela Bruckberger
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Obwohl die Zahl der Schwarzfahrer sinkt, haben die Wiener Linien vor Kurzem Dutzende neue Fahrkartenkontrollore eingestellt - aus allen Bevölkerungsgruppen. Die Zeit uniformierter Beamter ist vorbei.

Wer Tanja S. und Jelena Z. in der U-Bahn begegnet, ahnt noch nichts von ihrem Geheimnis. Die 30-Jährige und die 22-Jährige in Jeans und lockeren Blusen sehen aus wie zwei junge Frauen, die gerade zum Shoppen fahren. Erst wenn sich die Türen des Waggons geschlossen haben und die beiden aus ihren schicken Ledertaschen die Plastikkarten herausziehen, die sie als Mitarbeiter der Wiener Linien ausweisen, wird so manchem Fahrgast flau im Magen: Die beiden Frauen sind seit vergangenem Oktober Fahrscheinkontrollore der städtischen Verkehrsbetriebe.

Die Zeit der gemütlich-grantigen „Schwarzkappler“, also uniformierter Beamter, die in den Zügen nach Schwarzfahrern fragen, ist vorbei. „Unsere Fahrscheinkontrollore bilden ziemlich genau die städtische Bevölkerung ab“, sagt Karlheinz Klausner, in der Betriebslenkung der Wiener Linien für die Ticketkontrolle zuständig: Menschen aller Altersgruppen und Migranten gehören inzwischen ebenso zu den rund 200 Kontrolloren wie so mancher „bunte Vogel“ – es sollte sich also kein Schwarzfahrer mehr wundern, wenn er von einem Wiener-Linien-Mitarbeiter mit Irokesenschnitt gestraft wird. „Das hat den Vorteil, dass man die Kontrollore beim Einsteigen nicht sofort erkennt.“ Jeder von ihnen ist fixer Angestellter des Stadtwerke-Betriebes: Ein bloßer Nebenjob ist das Kontrolleursdasein nicht.

Ob das in der Praxis zu Autoritätsproblemen führt? „Natürlich kommt das vor“, sagt Tanja Z. Seit sie im vergangenen November ihren Dienst angetreten hat, sei es mehrmals vorgekommen, dass Fahrgäste an einen Scherz glaubten, als sie im Waggon zur „Fahrscheinkontrolle!“ aufrief. „Solche Situationen klären sich aber vergleichsweise schnell auf“, sagt Z., „man muss es vielen, vor allem älteren Leuten, erklären, dass man Kontrollor ist.“ In fixen Zweierteams patrouillieren die Kontrollore nach einem fixen Dienstplan in den Verkehrsmitteln. „Es ist nicht so, dass wir die Leute einfach in einen Zug steigen lassen und sie dann nach Belieben kontrollieren können“, erklärt Klausner – stattdessen arbeitet das Verkehrsunternehmen mit beinharter Statistik: „Unser Ziel ist, dass sich das Schwarzfahren rechnerisch nicht auszahlt.“


Mathematik des Schwarzfahrens. Soll heißen: Bei einer Strafe von 70 Euro kommt ein Schwarzfahrer, der in einem Jahr sechsmal von Kontrolloren erwischt wird, billiger davon, als wenn er sich die Jahreskarte um 449 Euro kauft. Dass es tatsächlich Menschen gibt, die das durchrechnen, bestätigen die Kontrollorinnen: „Manchmal erwischen wir Schwarzfahrer, die die 70 Euro schon abgezählt in der Brusttasche haben.“

Die Wiener Linien müssen also sicherstellen, dass jeder Fahrgast oft genug kontrolliert wird, damit diese Rechnung nicht aufgeht. „Derzeit kontrollieren wir rund 20.000 Personen am Tag“, sagt Klausner – gerade einmal ein Prozent der mehr als zwei Millionen Fahrgäste, die die Wiener Linien täglich nutzen. Kontrolliert wird in allen Linien gleichmäßig, von der U-Bahn bis zum Nachtbus. Erst in den vergangenen Monaten haben die Wiener Linien die Zahl ihrer Kontrolleure um ein Viertel erhöht – „Regeln müssen eingehalten werden“, begründet das Klausner. Von 2004 auf 2009 ist die Zahl der jährlich kontrollierten Fahrgäste von 2,8 Millionen auf mehr als vier Millionen gestiegen – unter anderem dieser Verschärfung sei es zu verdanken, dass die „Schwarzfahrerquote“ in diesem Zeitraum von 4,55 auf 3,37 Prozent gefallen sei.

Insgesamt mag dieser „Trend zum Kartenkauf“, wie es die Wiener Linien formulieren, erfreulich sein, für die Kontrollore hat das Sinken des Schwarzfahreranteils aber auch einen negativen Effekt: Für jede Strafe, die sie verteilen, bekommen die Kontrollore nämlich einen Bonus von vier Euro zu ihrem Lohn.

Obwohl sie täglich damit befasst ist, Regelverstöße zu ahnden, hat Jelena Z. Spaß an ihrem Beruf. „Es ist kein Büro- oder Fließbandjob, man erlebt jeden Tag etwas anderes“, sagt die 22-Jährige. Die meisten Menschen, die sie erwische, würden die Strafe vergleichsweise sportlich nehmen: „Das sind ja keine Verbrecher, jeder kann einmal einen Fehler machen.“ Dass ein Schwarzfahrer gewalttätig geworden wäre, sei ihr noch nicht untergekommen, einige Male seien die Erwischten aber weggerannt – „wir laufen dann nicht nach, sondern informieren die Polizei“, erzählt Z.

„Man lernt bei dem Job, Menschen einzuschätzen“, sagt Tanja S. Nach acht Monaten, in denen sie jetzt auf der Suche nach Schwarzfahrern ist, könne sie schon ungefähr einschätzen, wer in einem Waggon keinen Fahrschein habe. Manchmal irre man sich aber auch: S. und Z. erzählen beispielsweise die Anekdote von einem Jogger, der in Sportkleidung ohne Taschen in der U-Bahn stand – und bei der Kontrolle dann wider Erwarten eine Jahreskarte aus seinem Turnschuh zauberte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2010)

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