Erstes Laptop-Opfer und eine Pistole am Kopf

Den ersten fertigen Ausstellungstext habe ich gerade kübeln müssen. Und damit hat nicht einmal mein Desinfektionszwang etwas zu tun.

Es sind oft die kleinen Dinge, die einen so demoralisieren. Mich jedenfalls. Habe ich es doch echt geschafft, in der letzten Bürowoche – wie lange werden wir uns an sie erinnern noch? - meinen Laptop zu ruinieren. Also die Tastatur. Mit Desinfektionslösung. Und nein, ich habe sie nicht darin gebadet, sondern nur ordentlich drübergewischt. Das erste Laptop-Corona-Opfer in der Redaktion. Den Blick von meinem Lieblings-IT-Mann werde ich wohl auch noch eine Zeit lang mit mir herumschleppen. So wie ich jetzt eine externe Tastatur mit mir herumschleppen muss, innerhalb der Wohnung, von einem Zimmer zum nächsten, eine Art Schnitzeljagd nach der Zeit, nach ein paar Minuten Ruhe zum Schreiben. Es spielen auch noch mit: zwei kleine Kinder.

Aber ich gewöhne mich langsam an sie, also an die Tastatur. Man beginnt ja auch Unzulänglichkeiten manchmal zu lieben. Aus dieser doch etwas herausfordernden ersten Beziehungszeit zwischen der externen Tastatur und mir entsprang jedenfalls gestern ein erster fertiger Text. Basierend auf einem Gespräch, das ich mit der Wiener Malerin Xenia Hausner führte, per Telefon natürlich schon, über ihre Ausstellung in der Albertina, die am 6. Mai eröffnet werden soll. Sollte. Denn als ich den Text endlich fertig hatte, sickerte aus den üblichen verlässlichen Quellen zu mir durch: die Ausstellung wird um ein Jahr verschoben. Ein Jahr! Das ist zwar angesichts der Situation sicher besser für die Künstlerin - aber ich? Meinen Text werde ich bis dahin wohl nicht einfrieren können. Denn dann müsste ich ihn vor allem noch einmal lesen, und ich hasse wenig mehr in meinem Beruf, als meine Texte noch einmal lesen zu müssen, dafür bin ich schlicht zu ungeduldig.

Egal. Eigentlich wollte ich von Xenia Hausner erzählen, die eine ganz wundervolle Telefonpartnerin war. Ich müsste lügen, wenn ich sagte, ich hätte mich mit ihrer Malerei besonders auseinandergesetzt bisher, sie nicht einmal besonders geschätzt. Sie kam mir ein wenig harmlos vor. Man stempelt Künstler ja gerne ab, wenn sie aus Künstlerfamilien kommen so wie Hausner – ihr Vater war Rudolf, der bekannte Fantastische Realist. Sie selbst war erst Bühnenbildnerin, woraus man ihre Malerei anscheinend gerne ableitet – merkt man an ihrer sofortigen Ablehnungshaltung bei der Frage nach etwaigen Zusammenhängen. Dabei ist doch heute - früher war das anders, elitärer - gerade diese Sicht, diese Befruchtung aus zwei Professionen extrem interessant, finde ich. Die Inszenierung, die Hausner bei der Vorarbeit für ihre Bilder in ihrem Atelier betreibt, ist eine solche Querverbindung: Sie baut dort Kulissen aus Pappkarton etwa, in denen sie dann Schauspieler oder Kunststudenten agieren lässt und dabei fotografiert. „True Lies“ heißt auch die Ausstellung. Es geht ihr schließlich darum, den einen Moment einer universellen Wahrheit, eines „echten“ Gefühls, in einer eigentlich völlig konstruierten Situation in ihre Malerei zu übersetzen.

Als ich zur Vorbereitung des Gesprächs Hausners Presse-Bilder auf der Albertina-Seite durchklickte, fand ich darunter auch ein Selbstporträt von ihr, in dem sie sich eine Pistole an den Kopf hielt. Das Motiv kennt jede österreichische Kunstkritikerin. Es ist eines der Hauptwerke von Maria Lassnig, doch um einiges berühmter und extremer als Hausner. Lassnig zeigte sich dabei nackt und mit zwei Pistolen. Naja, fragte ich Hausner, hatte sie dabei das Lassnig-Bild vor Augen vielleicht?

KUNSTBIENNALE VENEDIG: WERKE VON MARIA LASSNIG
2013 wurde Maria Lassnigs Bild "Du oder Ich" (2005) bei der Biennale Venedig ausgestellt(c) APA/MARIA HANDLER (MARIA HANDLER)
Großes Fettnäpfchen! Hausner hat ihr Pistolenbild ein Jahr vor Lassnig schon gemalt, 2004. Seither leidet sie ein wenig darunter. Verständlicherweise. Das Los des Ersten, der vom Berühmteren überholt wird, ist bitter, gerade in der Kunst, wo Erster sein doch den Platz in der Geschichte sichern sollte. So jedenfalls die gesellschaftliche Vereinbarung in unseren Gefilden. Das zumindest merke ich mir von meinem verlorenen Text bis nächstes Jahr, wenn die Ausstellung dann wirklich eröffnen sollte. Keine Angst.