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Spanien

Risikozone Madrid: Die Stadt der Toten

Die Pandemie ist weiter außer Kontrolle und fordert immer mehr Menschenleben.
Die Pandemie ist weiter außer Kontrolle und fordert immer mehr Menschenleben.(c) REUTERS (JUAN MEDINA)
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2700 Tote in Spanien, 1500 allein in Madrid. Eine Eishalle wird zur Leichenhalle.

Madrid. Transporter fahren in die Tiefgarage des Eissportpalasts in Madrid. In der Fahrerkabine Männer in weißen Schutzanzügen – es sind Soldaten der spanischen Katastrophenschutzeinheit UME. Sie haben Plastiksäcke und Särge mit Pandemie-Opfern geladen.

Wegen Überfüllung der Depots in Krankenhäusern und Friedhöfen wurde der Sportpalast mit seiner Olympia-Eispiste zum Zwischenlager umfunktioniert – die größte Leichenhalle der Nation. Offiziell trägt das Eislauf- und Einkaufszentrum im Nordosten Madrids den Namen Dreams. Doch der Traumpalast wird zum Symbol von Spaniens schlimmstem Albtraum: Die Pandemie ist weiter außer Kontrolle und fordert immer mehr Menschenleben.

 

Höher als in der Lombardei

Jeden Tag sterben allein im Großraum Madrid 250 bis 300 Menschen im Zusammenhang mit dem Virus Sars-CoV-2. Die Hauptstadtregion, in der knapp sieben Millionen Menschen leben, ist Spaniens Risikozone. Mehr als die Hälfte aller Toten in Spanien – Stand Dienstag: 1500 von 2700 – werden in Madrid registriert. Zwei Drittel der Opfer waren älter als 80 Jahre.

Die statistische Sterblichkeitsquote in Madrid lässt vielen Bewohnern das Blut in den Adern gefrieren: Sie liegt, wenigstens auf den ersten Blick, mit über zehn Prozent noch höher als in der italienischen Lombardei oder der chinesischen Provinz Hubei. Insgesamt stieg die Zahl der Toten zuletzt binnen 24 Stunden um 500. Aber die Statistik hinkt: Denn sie zählt nur die schweren Infektionsfälle (bis Dienstag in ganz Spanien rund 40.000). Zehntausende Verdachtsfälle, bei denen die Patienten leichte Symptome hatten, werden nicht erfasst.

 

Drama in Seniorenheimen

Derweil wächst die Zahl der Horrorberichte aus spanischen Altenheimen, in denen in den vergangenen Tagen Hunderte Bewohner im Zuge der Coronapandemie gestorben sind. Angesichts des Dramas in den Seniorenresidenzen inspizierte jetzt sogar die Armee die Heime und fand katastrophale Zustände vor: Sie entdeckte mehrere verstorbene Rentner, die offenbar schon länger tot in ihren Betten lagen. Verteidigungsministerin Margarita Robles war entsetzt: „Die Soldaten haben total vernachlässigte alte Menschen gefunden.“

Indessen mehrt sich Kritik an den Behörden, nicht ausreichend auf die Coronapandemie vorbereitet gewesen zu sein. Pflegepersonal und Ärzten – unter den Infizierten stellen sie 13 Prozent – fehlt es an Schutzausrüstung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2020)

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