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Palmspende in der Gasse des Krötenküssers

Eine zufällige Begegnung mit Paul Kammerer, dem wohl lächerlichsten aller Alma-Mahler-Verehrer.

Alleine laufen gehen und zu Hause dann Kunstkataloge stemmen, so halte ich mich derzeit in etwa fit. Mein Leben lang habe ich dabei dieselben Strecken und Wege vermessen in meinem Wiener Heimatbezirk. Nie wird mir langweilig, durch die Straßen und Weinberge in Pötzleinsdorf und Neustift zu streifen. Es beruhigt mich äußerlich, lässt dabei aber meist die Gedanken ziemlich turbulent werden.

Gestern bin ich einmal anders abgebogen, in eines der Gässchen dieser seltsamen Siedlung in Glanzing: Kleine, vielgestaltige Doppelhäuschen reihen sich dort dicht aneinander, alles wirkt ein bisschen wie ein englisches Minimundus. Das ist kein Zufall, diese genossenschaftliche Siedlung wurde Mitte der 1920er von dem Architekten Hugo Mayer (mit Albert Tichy) gebaut, einer der wichtigen Architekten des Siedlungsbaus des Roten Wiens. 1912 wurde Mayer nach London geschickt, um die dortigen Gartenstädte zu studieren. Das merkt man hier in der Siedlung „Alt-Glanzing“ jetzt, gegründet damals für die Angestellten der städtischen Elektrizitätswerke.

Ein Nachfahre dieser Stromversorger scheint einen besonderen Draht nach oben zu haben, entnimmt man der christlich konnotierten Dekoration eines Hauses. Was sich allerdings auch in einer liebevollen Geste gegenüber den Passanten äußert: „Corostern kommt. Wer mag?“ steht auf einem Zettel im kleinen Vorgarten. Darunter ein Haufen Palmzweige zur Selbstbedienung.

Palmspende in der KammerergasseSpiegler

Die Kinder zumindest sind begeistert von der Beute. Die Tradition von Osterbaum wie Palmbuschen wird bei uns noch weitergeführt. Wozu man gerade in diesen Tagen nicht sonderlich christlich sein muss, es reicht auch archaisch. Bemalte Eier als uralte Symbole von Fruchtbarkeit und (Über-)Leben an Palmzweige (oder woran auch immer) hängen, kann nicht völlig daneben sein. Man muss auch nicht nur schnöde Punkte auf sie malen. Die Wiener Werkstätte war die letzte große künstlerische Bewegung, die sich dieser Tradition angenommen hat. Genug Deko-Anregungen von Josef Hoffmann und seinen Arbeiterinnen findet man im Netz. Ende Mai ist im MAK die Ausstellung dazu – „Die Frauen der Wiener Werkstätte“ – angeraumt. Noch.

Kammerergasse. Da bin ich also hängen geblieben. Bei der unbekannten Palmkätzchen-Spende. Ausgerechnet Kammerergasse. Benannt nach dem „Krötenküsser“, nach dem wohl lächerlichsten aller Verehrer Alma Mahlers. Das Buch ist schnell zur Hand zu Hause, besser gesagt die Bücher. „Witwe im Wahn“, die großartige Biografie von Oliver Hilmes. Und natürlich „Der Fall Paul Kammerer“ von Klaus Taschwer. Das war nämlich echt ein „Fall“, der Biologe war ein extrem polarisierender Mensch, auch Komponist übrigens. Sein Mahler-Überschwang machte ihn bald mit Alma bekann, in die er sich nach Mahlers Tod natürlich schwer verliebte, sehr zu ihrer Belustigung und ihres Kreises, war Kammerer völlig hemmungslos in seiner Verehrung, beschnupperte sogar vor aller Augen die Sitzflächen der Sessel, von denen Alma sich erhob.

Trotzdem willigte sie ein, die Assistentin des berühmten Geburtshelferkröten-Flüsterers in seinem Labor im Prater-Vivarium (wo sich heute der Schulverkehrsgarten befindet) zu werden. Es ist so komisch, dass ich es nachlesen musste bei Hilmes: „Nun übergab er mir einen mnemotechnischen Versuch mit Gottesanbeterinnen zu bearbeiten. Er wollte es herausbringen, ob diese Tiere durch die Häutung ihr Gedächtnis verlieren oder ob dieser Akt nur eine oberflächliche Hautreaktion ist. Zu diesem Behuf sollte ich ihnen eine Gewohnheit beibringen. Es misslang insofern, als diesen Viechern nichts recht beizubringen war. Ich musste sie unten im Käfig füttern, da sie a priori immer in der Höhe und im Licht fressen. Der Käfig war unten verdunkelt. Sie waren nicht dazu zu bringen, ihre schöne Gewohnheit, Kammerer zu Liebe, aufzugeben.“ Tja. Immerhin blieb Alma mit dem wortgewandten Kammerer eng befreundet, fragte ihn sogar um Rat bei ihren Hochzeitsplänen mit Gropius. So entging Kammerer solchen Kommentaren, wie Alma sie für andere ihrer kurzen „Versuchstiere“ übrig hatte. Etwa den Komponisten Franz Schreker: „Er spielte in meinem Leben keine Rolle, ich ging eine kurze Wegstrecke mit ihm und verließ ihn zur rechten Zeit.“

Kammerers Leben nahm trotzdem kein gutes Ende, 1927 erschoss er sich - nicht aus unglücklicher Alma-Liebe allerdings, obwohl er ihr mehrmals gedroht hatte, sich am Grab Mahlers deshalb umzubringen. Sondern angesichts von Fälschungsvorwürfen gegen seine Forschungsergebnisse. Es war ein tiefer, nie wirklich aufgeklärter Fall. Von der New York Times noch als „neuer Darwin“ gefeiert, war die Karriere nach Vorwürfen von Kollegen schließlich abrupt vorbei. Drei Jahre nach seinem Tod wurde die Gasse in Glanzing nach ihm benannt. Kein Schild erklärt dort heute den Namen.