Das Geheimnis der schönen Corona-Briefleserin

Die Wege sind verschlungen dieser Tage. Das kostet Zeit, führt aber auch zu wundervollen Umwegen. Über die Jagd nach einem Buch zu Liotards Wiener Schokoladenmädchen.

Die Wege sind verschlungen dieser Tage. Das kostet Zeit, führt aber auch zu wundervollen Umwegen. Allein meine Jagd nach dem Buch „Faces“ von Hans Belting, das ich für eine größere Geschichte über unser Verhältnis zum Tragen von Masken brauchte. Ich wusste, ich hatte es. Aber es blieb verschwunden in den Bibliotheksuntiefen, maskiert sozusagen. Nichts, was man mehr hasst, als Bücher nicht zu finden, die man dringend zu brauchen meint. Ohne die man kein Wort, keinen Gedanken jetzt schreiben kann. Aber Belting ist ja Allgemeingut, hat ja jeder zu Hause stehen. So begann ich von einer Isolationshaft zur nächsten zu telefonieren. Den Kunstphilosophen erreichte ich in der Klausur im Wald, auch dort die extrem ordentliche Bibliothek, da online archiviert, abrufbar – kein „Faces“, sonst alles von Belting. Ich solle den Albertina-Direktor anrufen, der habe alles. Eine dunkle Stimme, wie aus den Tiefen der Bastei, meldete sich – nein, keine „Faces“, schönes Leben noch (also nicht wörtlich). Hier hat wer eindeutig andere Sorgen. Der emeritierte Kunstgeschichte-Doyen, der verlockender Weise um die Ecke wohnt? Keine „Faces“. Der angejammerte Studienfreund bietet an, sich für mich in die ihm nahestehende Museumsbibliothek einzuschleichen, dort, verrät das Inventar, stehe das Buch, ganz sicher. Stand es vielleicht auch einmal. Schließlich die vermeintliche Rettung – die Malerin und Kunsthistorikerin meines Vertrauens meldet: „Faces? Habe ich!" Noch dazu in Fußweite. Ich laufe auf den Schafberg. Ich freue mich. Ich halte einen Katalog in den Händen, der zwar „Faces“ heißt, aber nicht von Belting ist. Langsam wird es komisch. Ich weine fast. Schließlich fasst sich mein bester Chef von allen ein Herz, setzt sich ins Auto und legt mir den Schatz vor die Tür. Hatte er natürlich zu Hause. Was sonst!

Soweit die „Masken“. Nichts scheint uns mehr beschäftigt zu haben die vergangenen Tage als diese faciale Verhüllung. Sogar der zauberhafteste meiner zauberhaften Bekannten schickte mir ein Bild dazu: Ein innig einen Brief lesendes Mädchen, augenscheinlich dem Rokoko entsprungen, mit seltsamer Verschnürung um den Kopf samt Tuch um Mund und Nase geschlungen. Was hat das schöne Kind nur dazu bewogen? Die Pocken? Das erinnert mich an einen Leser, der mir vor drei Jahren über unser idealisiertes Gesichts-Bild aus der Vergangenheit geschrieben hat. Ich finde sein E-Mail noch, Edmund Berndt schreibt, dass vor 200 Jahren praktisch alle Erwachsenen von Pockennarben gezeichnet gewesen sein müssen. Was die Maler natürlich zu besonders porzellanenen Teints angeregt haben muss, es warat wegen der Kompensation der geplagten Schöngeister. Herrn Berndt interessierten vor allem die Komponisten, so waren, schrieb er mir, beispielsweise Haydn und Beethoven, Mozart und Goethe übersät von Pockennarben.

Mich allerdings interessiert vor allem dieses Mädchen. Konnte dieses Bild original sein? Es erinnerte mich an die Arbeiten von Markus Schinwald, der bevorzugt Biedermeierbilder von Restauratoren manipulieren lässt – mit verstörenden kleinen Eingriffen, die den Idyllen medizinische Prothesen verpassen oder andere unheimlich wirkende Accessoires der Unzulänglichkeit oder vermuteter Perversionen. Doch Schinwald winkte ab per E-Mail aus seiner US-Wahlheimat, das Bild sei nicht von ihm, sondern sehe nach Fotoshop aus. Und das Original sei übrigens von Jean-Etienne Liotard (1702-1789). Danke.

Was für ein exzentrisches Zeitgeschöpf war dieser Meister des Pastells doch, der die Fräulein von Adel damals in den strahlendsten, sanftesten, heitersten Nuancen wiederzugeben vermochte. Der Genfer selbst inszenierte sich als „türkischer Maler“, lebte auch fünf Jahre in Konstantinopel, wo er sich die bequeme türkische Herrenmode angewöhnte, die er sein Leben lang nicht mehr ablegte. In derartiger Tracht kam er 1743 nach Wien, auf Einladung keiner geringeren als Maria-Theresias, die ihre (pockennarbigen) Kinder von ihm festzuhalten wünschte. Sein Porträt der erst siebenjährigen Marie-Antoinette zeigt sich völlig anders, als wir uns sie später vorstellten, mit altklugem Blick, gar nicht sonderlich hübsch, eher interessant. Heute hängen die Liotard-Kinder Maria-Theresias übrigens in Schönbrunn in Sisis ehemaligem Salon.

1745 erst reiste Liotard weiter, nach Venedig. Zuvor aber entstand in Wien, wo sonst, sein berühmtestes Werk: Das „Schokoladenmädchen“, das er in Venedig dann dem Graf von Algarott für das Dresdner Pastellkabinett verkaufte. Bis heute hängt es dort, vor gut einem Jahr hat der aus Wien „entliehene“ Direktor Stephan Koja dort eine eigene Ausstellung rund um das großformatige Blatt kuratiert. Es zeigt ein anonymes Dienstmädchen, die gerade im Begriff ist, wohl ihrer Herrin eine Tasse Kakao – samt Glas Wasser natürlich - zu bringen. Völlig bei sich wirkt es in dieser Aufgabe, trotz aller verträumter Blauäugigkeit in seinem strengen Profil doch ganz in seine soziale Rolle und ins papierene Format gespannt. Das unbekannte Wiener Mädel schreitet hier jedoch traumwandlerisch einer Weltkarriere entgegen: das Pastell galt zu seiner Zeit als das „schönste Pastell, das man je gesehen hat“ (so immerhin Liotard-Konkurrentin Rosalba Carriera). Ein „Holbein in Pastell“, schwärmt Algarotti sogar.

Liotards berühmtes Wiener Schokoladenmädchen (La Belle Chocolatière de Vienne), um 1744Gemäldegalerie Dresden

Apropos Holbein. Im Baseler Kunstmuseum gibt es übrigens eine andere Version von Liotards „Schönen Leserin“ – sie hat die Augen nicht auf den Brief niedergeschlagen, sondern schaut auf, an uns vorbei in die Ferne, eine irritierende Veränderung, man muss zweimal hinsehen. Das war sozusagen das Fotoshop des Rokoko – Liotard hat bei dem anscheinend erfolgreichen Motiv, das ursprünglich seine Nichte aus Lyon in typischer Tracht zeigte, einfach die Köpfe der unterschiedlichen Auftraggeberinnen ausgetauscht. Er würde also auch dem deutschen Künstler Volker Hermes die Corona-Version der Briefleserin verzeihen. Vermutlich. Das Bild ist übrigens schon vor Corona-Zeiten entstand, erzählt mir Hermes, dessen Fotocollagen historischer Porträts, deren Gesichter er "versteckt", dass nur noch die "sozialen Masken", also die Statussymbole der Körper übrig bleiben - um wieder an den Beginn mit Belting zu gelangen - jetzt plötzlich viral gehen. Was ihn ein wenig überfordere gerade, aber natürlich auch sehr freue. Schöne Grüße aus Düsseldorf, soll ich ausrichten. Und natürlich: Bleiben Sie gesund.