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„The Lovebirds“: Eine gefährliche Paartherapie

Leilani (Issa Rae) und Jibran (Kumail Nanjiani) müssen erst wieder glücklich werden.
Leilani (Issa Rae) und Jibran (Kumail Nanjiani) müssen erst wieder glücklich werden.(c) Netflix
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Die Komödie „The Lovebirds“ schickt ein Paar in der Krise zwecks Wiederverkupplung auf einen abstrusen Parcours. Ein altgedientes Konzept, mittelprächtig umgesetzt.

In seinem Standardwerk „Pursuits of Happiness” markierte der kinoaffine US-Philosoph Stanley Cavell eine Handvoll Produktionen aus Hollywoods goldener Ära als Gipfelpunkt amerikanischer Filmkunst. Er nannte sie „comedies of remarriage“, Komödien der Wiederverheiratung: Viele von ihnen (darunter Klassiker wie „The Philadelphia Story“ und „The Awful Truth“) handeln von Paaren in Beziehungskrisen, die nach temporärer Suspendierung des Ehegelübdes und ein paar wilden Runden im Konfliktkarussell zum Schluss kommen, dass ihre Ehe doch beständig ist. Cavell sah in diesem Genrekonzept mehr als eine dramaturgische Schablone: Für ihn skizzierte es spielerisch die Grundpfeiler eines respektvollen Miteinanders im Rahmen des heiligen Bundes.

 

Kriminelle Machenschaften

Man könnte meinen, dass besagte Lustspielgattung aus der Mode gekommen ist: Lange schien das US-Kino Geschichten des romantischen Zusammenfindens, oftmals mit märchenhaftem Anstrich, den Vorzug zu geben – siehe „Pretty Woman“ oder „Schlaflos in Seattle“. Die heikleren Themen der Liebeserhaltung und Eheverwaltung gerieten ins Hintertreffen. Doch seit geraumer Zeit entstehen wieder Filme, die sich an Paartherapien heranwagen – gerade im Komödienbereich. In „Date Night“ wirbelt ein Verbrecherkomplott die Routine einer Lebensgemeinschaft durcheinander. In „Sex Tape“ facht die Jagd nach einem peinlichen Heimvideo die erlöschende Leidenschaft an. In „Bad Neighbors“ wird eine Jungfamilie einem Belastungstest unterzogen, aus dem sie gestärkt hervorgeht. Und heute startet „The Lovebirds“ auf Netflix – ein Neuverkupplungsstück, wie es im Buche steht.

Auf der Couch: Dokumentarfilmer Jibran (Kumail Nanjiani) und Werbefrau Leilani (Issa Rae). Verheiratet sind sie zwar nicht, aber schon Jahre zusammen. Ihr entzückendes Kennenlernen in der Eröffnungssequenz wird einem Status quo voller kleinkarierter Zwistigkeiten gegenübergestellt, die auf tiefere Konflikte hindeuten. Fazit? Es klappt nicht mehr. Da knallt ein Radler gegen ihre Windschutzscheibe: Ein Schock als Startschuss eines abstrusen Parcours durch düstere Stadtwinkel voller krimineller Machenschaften (Tatort: New Orleans). Ein Abenteuerurlaub als Beziehungsretter.

Sympathisch, wie einfühlsam sich der Film den Neurosen seiner beiden „Turteltauben“ (so der deutsche Titel) widmet: Jibrans Eifersucht, Leilanis Zukunftssorgen. Als würde Regisseur Michael Showalter am liebsten eine schnörkellose Romanze drehen, ganz wie sein schönes Melodram „The Big Sick“. Doch obwohl er seine Karriere als Komiker begonnen hat, tut er sich schwer damit, die Erkundung komplexer Beziehungsdynamiken mit den Ansprüchen zeitgenössischer Brachialhumoristik in eins zu bringen.

Das liegt einerseits am flapsigen Drehbuch, das jede Glaubwürdigkeit strapaziert, aber vor wirklich lustvoller Übertreibung zurückscheut. Andererseits an den Hauptdarstellern, die zwar über ausreichend Charme verfügen (Rae kennt man aus der Serie „Insecure“, Nanjiani aus „The Big Sick“), aber nicht mitziehen, wenn es gilt, in puncto Exaltiertheit auf die Tube zu drücken. Eine Szene, in der sie versuchen, einen Jugendlichen mit großspurigen Drohposen einzuschüchtern, wirkt mehr peinlich als lustig – und dass sie sich im Rausch einer gefährlichen Schnitzeljagd befinden, wie die Handlung behauptet, kauft man ihnen keine Sekunde ab. Schade – doch die Hoffnung sollte man nicht aufgeben. Auch das „Remarriage“-Genre hat ein paar zweite Chancen verdient.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2020)