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Geschmacksfrage

Testessen im Schlawiener

Christine Pichler
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Große Drinks, absurde Gerichte und ein wenig Anarchie.

Ein Lokal namens Schlawiener? Laut Wiki ist Schlawiner (auch Schlawuzi oder Schlawack) eine umgangssprachliche Bezeichnung, die sowohl anerkennend als auch beleidigend gemeint sein kann. Sie bezeichnet einen pfiffigen, ge­­rissenen Menschen, Synonym: Schlingel, Schalk, Gauner, einen unzuverlässigen Menschen. O. k., jetzt fühle ich mich angesprochen.

Keine Ahnung, was man sich optisch oder kulinarisch darunter vor­stellen kann, aber das neue Schlawiener sicher nicht. Das Lokal ist zweigeteilt – Hybrid klingt besser, weil wichtiger: links Ziegel-Keller-Bar, rechts eine Art Volkshochschulenkantine für den Südamerika-Kurs. An der Wand prangt hübsche naive Malerei, darüber Hängetopfpflanzen, in Kombination ergibt das genug Ugly Chic, um Prenzlauer-Berg-Fantasien zu bekommen, Jute fehlt vielleicht noch. Hinter dem Projekt – so ­nennen wir jetzt solche Buden  – stehen Manuel Letz, Unternehmensberater aus dem Weinviertel, Pop-up-Veteran David Kreytenberg („Marktwirtschaft“), Koch-Ideengeber Sebastian Müller und Florian Schulz.

Christine Pichler

Die Küchenlinie ist absurd, Wiener Wirtshausklassiker meets Asia. Das funktioniert zum Teil unfassbar gut, wenn es puristisch bleibt: Etwa das Anti-Beef-­Tatar, das öde klingt, aber dank der Mischung aus Dijonsenf, Samen, Zitrone und gehackten Kräuterseitlingen eine kleine Geschmacksexplosion ergibt. Oder der Mapo Tofu: Die dick-mollige Mischung aus Seidentofu, Kalbsfaschiertem, fermentierten Bohnen und frischen Jungzwiebeln ersetzt den Besuch beim Asiaten. Manche Wiener Klassiker kann die Küche auch gut: Der Schweinebauch bringt Sonntagsgefühle und die Gewissheit, gute Lieferanten zu haben. Das gilt auch für die Roller vom geräucherten Karpfen, gut, fest, schöne Bergamottennote! Weniger gut das Schnitzel, das zu braun und fettig geriet, wovon auch die frechen Sardellenringerl nicht ablenken können.

Eine Glaubensfrage stellt sich beim Gericht Ramen auf Wienerisch: Da wurden dicke Hefefrittaten in intensiver Suppe mit Dashi, Ingwer, Kefir, Zitronengras, Koriander auf die Fusionsreise geschickt. Lustig? Ja! Wirklich gut? Nein. Was aber sensationell am Lokal ist: Es werden großartige originelle Drinks (Bob Dilln mit Vodka Dille!) gemixt, ähnlich wie im Bruder einen Bezirk weiter. Ich hätte dieses Lokal Mischkulanz getauft. Aber mich fragt ja keiner. Unter Schlawiener stelle ich mir ein After-Hour-Lokal für Alexander Van der Bellen vor. Brave Bürgeranarchie. Obwohl: Dann passt es eigentlich wieder.

Info

Schlawiener, Preßgasse 29, 1040 Wien, Tel.: +43/(0)677/62 95 38 54, Restaurant: Di–Sa. 11.30–23 Uhr.

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("Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 13.03.2020)