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Geldpolitik

Banken holen sich 1,3 Billionen Euro

Über 700 Banken haben sich bei der Europäischen Zentralbank Kredite mit einer Laufzeit von drei Jahren besorgt. Die Institute können mit dem Geld gute Geschäfte machen.

Wien. Geld, Geld und noch mehr Geld: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Banken der Eurozone am Donnerstag mit Krediten in Billionenhöhe versorgt. Wie die EZB mitteilte, erhalten die Institute in einer neuen Kreditrunde längerfristige Darlehen im Volumen von 1,31 Billionen Euro.

Die Nachfrage der Banken lag damit etwas über den Erwartungen der Analysten und am oberen Ende der angenommenen Bandbreite. Bei der Zuteilung handelt es sich jedoch um eine Bruttogröße. Abzüglich anderer fälliger EZB-Kredite von etwa 760 Mrd. Euro liegt die Summe neuer Kredite tiefer.

Die Darlehen, im Fachjargon auch als TLTRO (in diesem Fall TLTRO III) bezeichnet, haben eine Laufzeit von drei Jahren. Insgesamt standen 742 Banken bei der EZB an, um sich die Gelder zu beschaffen. Das große Interesse erklärt sich auch damit, dass die Banken mit der Kreditaufnahme Geld verdienen können.

Dies wird möglich, weil der Zinssatz der Kredite unter dem Einlagensatz der EZB liegt. Letzterer beläuft sich auf minus 0,5 Prozent. Banken erhalten allerdings eine Prämie, wenn sie beim TLTRO zugreifen. Diese erhöht sich für das erste Jahr auf ein Prozent, wenn die Geldinstitute in dieser Zeit ihr Kreditbuch nicht schrumpfen lassen. Dies soll den Banken einen Anreiz bieten, Unternehmen und Verbraucher in der Coronakrise mit ausreichend Krediten zu versorgen.

Berechnungen der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) zufolge, können die Banken mit der Kreditaufnahme unter dem Strich bis zu 6,5 Mrd. Euro lukrieren. „Da dieser günstige Langfristtender nicht eine einmalige Gelegenheit war, sondern noch weitere Geschäfte diese Ertragschance bieten, dürfte die Flutwelle an Zentralbankgeld nicht so schnell abebben“, sagt Helaba-Analyst Ralf Umlauf.

Das tief verzinste EZB-Geld verwenden die Banken auch für sogenannte Carry Trades, indem sie es in den vergleichsweise besser verzinsten Anleihenmarkt (mit kurzer Laufzeit) pumpen. Am Donnerstag profitierten allerdings auch längerfristige Titel: Die Kurse der zehnjährigen Anleihe Italiens stiegen auf ein neues Zwischenhoch.

 

Staaten zapfen Markt an

Auf den Staatsanleihemärkten herrscht dieser Tage denn auch geschäftiges Treiben. Weil sich alle Länder wegen der Coronakrise über die Maßen verschulden müssen, zapfen sie laufend den Kapitalmarkt an. Spanien und Frankreich haben am Donnerstag Anleihen mit einem Volumen von rund 20 Mrd. Euro emittiert. Schon in der Vorwoche hatte der europäische Anleihemarkt im Rekordtempo die Emissionsmarke von einer Billion Euro überschritten. So holten sich Großbritannien, Irland, Spanien und Griechenland an einem einzigen Tag 31 Mrd. Euro, um ihre belasteten Staatshaushalte aufzubessern. Mit in Summe 21 Transaktionen handelte es sich am Dienstag der Vorwoche sogar um einen der geschäftigsten Anleihentage seit Monaten. Auch Österreich wird in diesem Jahr deutlich mehr über den Kapitalmarkt refinanzieren müssen. In Summe will man rund 60 Mrd. Euro aufnehmen und damit fast doppelt so viel wie geplant.

Die Nachfrage der Investoren dürfte dabei kein Problem darstellen. Auch weil mit der Europäischen Zentralbank ein großer Käufer auf dem Markt aktiv ist. Die Notenbank will in Summe 1,35 Billionen Euro im Rahmen ihres Corona-Krisenprogramms ins System pumpen. „Der Billionen-Maßstab wird im Rahmen der Maßnahmen der EZB zur Bekämpfung der Coronakrise zunehmend zur Regel“, sagt Uwe Burkert von der Landesbank Baden-Württemberg. (nst)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2020)