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Luftfahrt

Boeing startet Testflüge mit 737 Max

(c) REUTERS (Lindsey Wasson)
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Mehr als ein Jahr nachdem das Modell weltweit mit einem Flugverbot belegt wurde, sollen überarbeitete Flugzeuge auf ihre Tauglichkeit ausführlich getestet werden.

Wien. Seit einem Jahr, drei Monaten und 16 Tagen stehen sämtliche 387 bereits an Fluggesellschaften ausgelieferte Boeing 737 Max auf Flughäfen weltweit verteilt am Boden. Hinzu kommen weitere rund 400 Maschinen, die von Boeing bereits gebaut wurden, aber noch nicht an die Kunden ausgeliefert werden konnten. Auslöser für das Grounding waren zwei Abstürze mit insgesamt 346 Toten im Oktober 2018 und März 2019, die auf fehlerhafte Systeme der Zukunftshoffnung von Boeing zurückzuführen waren.

Heute, Montag, soll dieses unrühmliche Kapitel für den US-Flugzeughersteller sich langsam seinem Ende zuneigen. Denn nun soll in Zusammenarbeit mit der US-Luftfahrtbehörde FAA ein dreitägiger Testmarathon beginnen, in dem überarbeitete 737 Max Flugzeuge auf Herz und Nieren geprüft werden. Das ist eine notwendige Voraussetzung zur Wiedererlangung der Flugzulassung.

Konkret sollen die Maschinen im Luftraum über dem gering besiedelten US-Bundesstaat Washington – in dem sich auch der Stammsitz von Boeing befindet – verschiedenste Flugszenarien durchspielen. Dabei sollen extreme Flugmanöver geflogen werden.

System MCAS im Fokus

Besonders im Fokus der Tests wird aber naturgemäß das System MCAS stehen. Wie mehrfach berichtet wurde dieses als Ursache für die beiden Abstürze ausgemacht. Eigentlich sollte das System verhindern, dass ein Flugzeug einen zu starken Steigflug beginnt. Denn dieser könnte – aufgrund der Verlangsamung – zu einem plötzlich Strömungsabriss unter den Tragflächen führen, was zu einem Absacken der Maschine führen würde. MCAS soll dem entgegenwirken, indem die Nase des Flugzeuges automatisch gesenkt wird.

Bei den beiden Abstürzen dürfte das System jedoch fehlerhafte Signale von Sensoren erhalten haben. Es nahm daher an, dass sich die Maschinen in einem zu starken Steigflug befanden und drückte die Nase nach unten. Dadurch wurden die Flugzeuge sozusagen in den Absturz hineingedrückt. Durch die nun beginnenden Tests soll nachgewiesen werden, dass das von Boeing überarbeitete MCAS kein solches Fehlverhalten mehr an den Tag legt.

Nach dem Testzyklus soll die FAA die dabei gewonnenen Erkenntnisse genau analysieren, um eine Entscheidung über die Wiederzulassung des Flugzeuges zu treffen. Bevor das passiert, werde jedoch noch FAA-Chef Steve Dickson persönlich an Bord einer 737 Max sich ein Urteil bilden, heißt es. Dieses Versprechen gab Dickson in Folge des 737 Max-Groundings, bei dem auch die Rolle der FAA nicht sonderlich gut wegkam.

Da in weiterer Folge auch neue Trainings-Prozeduren für die 737 Max-Piloten genehmigt werden müssen, sei eine Aufhebung des Groundings nicht vor September zu erwarten. Die europäischen Behörden dürften die Arbeit ihrer US-Kollegen dann noch überprüfen, bevor die 737 Max auch in Europa wieder starten darf. (Reuters)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2020)