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Deutsche Verteidigungsministerin will Elitetruppe KSK teilweise auflösen

KSK-Demonstration am Tag der Bundeswehr 2017 auf dem Heeresflugplatz Faßberg, Niedersachsen.Tim Rademacher/orlok.org/CC BY-SA 4.0
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Nach rechtsextremen Vorfällen wird die 2. Kompanie des rund 1400 Mann starken „Kommandos Spezialkräfte" in Baden-Württemberg gestrichen. Die Ausbildung der Truppe soll reformiert und aus deren Zuständigkeit entzogen werden.

Die deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) will die Elitetruppe KSK (Kommando Spezialkräfte) nach rechtsextremistischen Vorfällen zum Teil auflösen. Die 2. Kompanie des rund 1400 Mann starken Verbandes, in der die besagten Vorfälle stattfanden, werde ersatzlos aufgelöst, sagte die Ministerin der "Süddeutschen Zeitung".

Das Kommando Spezialkräfte habe sich "in Teilen verselbstständigt, auch weil es eine toxische Führungskultur einzelner gab - daraus folgt, dass das KSK nicht in seiner jetzigen Verfassung bestehen bleiben kann", sagte sie der Zeitung.

Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur aus dem Verteidigungsausschuss des Bundestags soll der Eliteeinheit auch die Oberhoheit über die Ausbildung genommen werden. Kramp-Karrenbauer will das Konzept am Mittwoch auf einer Pressekonferenz vorstellen.

Das 1996 gegründete KSK, Standort ist in Calw nahe Karlsruhe (Baden-Württemberg), hat seit 2017 mehrfach mit mutmaßlichen rechtsextremistischen Vorfällen Schlagzeilen gemacht. Alles begann im April 2017 mit einer Abschiedsparty für einen KSK-Offizier, bei der mit Schweineköpfen geworfen, Musik der rechtsextremen Szene nahestehender Bands gespielt und der Hitlergruß gezeigt worden sein soll. Bei einem der Partygäste fanden Polizisten in Sachsen in einem anderen Zusammenhang ein Waffenversteck mit Munition und Sprengstoff. Vor kurzem wurde überdies bekannt, dass sich ein KSK-Soldat zum Islamisten gewandelt hatte.

Standort des KSK in Calw nahe Karlsruhe bzw. Stuttgart:

Im Jänner gab der Militärische Abschirmdienst (MAD) bekannt, dass bei der Elitetruppe 20 Soldaten unter Rechtsextremismus-Verdacht stehen. Das klingt nach wenig (rund 1,4 Prozent der Truppe), soll aber relativ gesehen fünf Mal so hoch sein wie bei der Bundeswehr insgesamt. Im Mai setzte Kramp-Karrenbauer eine Arbeitsgruppe ein, um ein Konzept zur Unterbindung rechtsextremistischer Tendenzen im KSK zu unterbinden.

Eines der Vorbilder: der britische „Special Air Service"

Das KSK, das auf Brigadeebene rangiert und dem Heer als Teilstreitkraft zugeordnet ist, wurde nach Vorbildern wie dem britischen Special Air Service SAS geschaffen und hat als Einsatzschwerpunkte Sondereinsätze, Aufklärung, Bekämpfung von Zielen im Hinterland, Sabotage, Terrorbekämpfung, Rettung, Evakuierung und Bergung sowie Militärberatung.

Was die Struktur und vor allem die Operationen betrifft, ist vieles unkar und geheim. Der Verband gliedert sich jedenfalls im Kern in vier Kommandokompanien, zwei Spezialkompanien, die Stabskompanie, mehrere Kompanien Unterstützungskräfte und kleinere Hilfseinheiten. Jede der Kommandokompanien soll etwa 100 bis 120 Mann zählen, davon 60 bis 80 Kämpfer im engeren Sinn. Die Kompanien sind in mehrere Züge mit unterschiedlichen Schwerpunkten geteilt, etwa für Fallschirmeinsätze, amphibische Kriegsführung, Dschungelkampf, Gebirgskrieg/Winterkampf und Scharfschützen.

KSK-Scharfschütze bei Gebirgsausbildung in der Schweiz.Bundeswehr/YouTube /Screenshot)

Aktueller KSK-Kommandant ist Brigadegeneral Markus Kreitmayr (*1968), ein Bayer, der ursprünglich aus der Panzergrenadiertruppe kommt.

Völkermord in Ruanda als Gründungsimpuls

Als letztlicher Anlass für die Gründung des KSK gilt der Völkermord 1994 in Ruanda: Damals mussten deutsche Bürger aus dem afrikanischen Land von belgischen Fallschirm-Kommandotruppen gerettet werden; die deutsche Regierung lehnte einen Einsatz der Sondertruppe „GSG 9", die der Bundespolizei zugehörig ist, sowie von Spezialtruppen der Fallschirmjäger ab, da diese aus ihrer Sicht nicht für eine Bürger- und Guerillakriegsumgebung in Afrika ausgebildet waren und es an Material, etwa Transportflugzeugen, mangelte.

Zusätzlich gab der Gründung des KSK das „Out-of-Area-Urteil" des Bundesverfassungsgerichtes von 1994 Auftrieb, das erstmals feststellte, dass (militärische) Einsätze der Bundeswehr auch außerhalb des NATO-Gebietes zulässig sind, sofern der Bundestag dem prinzipiell zustimme.

Erster bekannter Einsatz 1998 in Bosnien

1997 war das KSK einsatzfähig. Der erste bekannte Einsatz war im Juni 1998, als KSK-Soldaten zusammen mit französischen Einheiten in Bosnien-Herzegowina den bosnisch-serbischen Kriegsverbrecher Milorad Krnojelac festnahmen und dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag überstellten. In den Folgejahren gab es mehrere weitere ähnliche Aktionen auf dem Balkan.

Ende 2001 sowie 2002 wurden KSK-Kräfte im Zuge von 9/11, der Invasion gegen die Taliban sowie im Rahmen der Internationalen Stabilisierungstruppe ISAF nach Afghanistan entsandt; es galt eine Obergrenze von 100 Mann zu jedem Zeitpunkt. KSK-Soldaten nahmen unter anderem an der Schlacht um die Taliban-Festung Tora Bora (Dezember 2001) sowie an der „Operation Anaconda" im Frühjahr 2002 teil, bei es um die Suche nach und Zerstörung von Talibaneinheiten ging.

Erst 2013 fiel der erste KSK-Soldat im Gefecht - in Afghanistan. Weitere bekannte Einsätze waren etwa die Rettung deutscher Bürger aus Libyen während des Bürgerkriegs 2011 und Ausbildungsmissionen in Afghanistan und Jordanien. Generell leidet die Truppe unter dem Zögern der Politik, sie einzusetzen, und unter der überaus kritischen bis negativen Haltung in Deutschland, vor allem im Medienbereich, gegen das Militär.

(APA/AFP/wg)