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Walk of Häme

R.I.P. Baby-Elefant

Der Baby-Elefant hat ausgedient.
Der Baby-Elefant hat ausgedient.APA/HARALD SCHNEIDER
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Oder: Warum auf dem Hotelzimmer zu bleiben von der Verheißung zur Drohung wird.

Das Artensterben macht auch vor Österreich nicht halt. Nun droht als Nächstes der Baby-Elefant auszusterben. Egal ob in Geschäften, auf Gehsteigen oder im Gemenge, Abstand halten ist so plötzlich wieder verschwunden, wie es angeordnet worden ist. So viel zum Thema Eigenverantwortung.

Allerdings muss man schon auch sagen, dass die Maßnahmen der Politik (egal ob in Österreich oder sonst irgendwo) auch für Menschen, die versuchen, den Verstand einzuschalten und sich gut zu informieren, kaum mehr nachvollziehbar sind. Warum an geplanten Lockerungen (Masken?) unverändert festgehalten wird, obwohl die Fallzahlen steigen und die Reproduktionsrate die magische Grenze von eins überschritten hat, muss man wohl nicht zwangsläufig verstehen. Auch nicht die flächendeckende Öffnung für Urlaubsreisen in Länder, die wiederum bei ihrer Öffnung keinen Unterschied machen, ob Gäste aus Corona-Musterländern oder aus Pandemie-Krisenregionen kommen. Geurlaubt will natürlich trotzdem werden, dabei wird auf dem Hotelzimmer zu bleiben aber von der Verheißung zur Drohung herabgestuft. Fürchtete man früher Staus und Haie, sind es nun Cluster und Quarantäne.

Ebenfalls nicht eben einleuchtend: Seit Monaten wird uns erklärt, Kinder hätten a) selbst ein geringes Risiko, schwer zu erkranken, und taugten b) nicht zu Superspreadern. Dennoch wurden die Schulen vor den Ferien, die gerade im Osten begonnen haben, nur sehr feigenblättrig geöffnet und nun beim Cluster in Oberösterreich als Erste wieder geschlossen. Hauptsache die Fitnesscenter haben weiter geöffnet. Die bevorzugte österreichische Spielart der Bildung ist das Bodybuilding.

Politisch bringt Corona auch einige Positionen durcheinander: Die ÖVP will etwa das Bundesheer auf ein Paar Gummistiefel und ein paar Lawinenhunde reduzieren, ausgerechnet der grüne Bundespräsident besteht darauf, auch auf das ganze kriegerische Drumherum nicht ganz zu vergessen. „Die Fesseln des Weltmarktes abstreifen“ will nicht etwa der Chef der Gewerkschaft, sondern der Vorarlberger Landeshauptmann in einem Radio-Interview, dafür macht sich die SPÖ Sorgen über das explodierende Budgetdefizit. Die Neos interpretieren ihre Kontrollfunktion jüngst eher ausfallend. Immerhin bleibt die FPÖ in ihren Positionen berechenbar.

florian.asamer@diepresse.com 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2020)