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Alle Welt ist Gottes Zoo

Vielstimmig: In seinem Text-Bild-Band „Bobophon“ erprobt Thomas Raab die unterschiedlichsten Sprechweisen.

Eine Sprache der Vielstimmigkeit ist es, die Thomas Raab in „Bobophon“ anklingen lässt. In dem originellen Band werden nicht nur die unterschiedlichsten Sprechweisen erprobt und durchexerziert, das Buch ist überdies gewürzt mit anregenden Zeichnungen von Christian Wallner, die neue Denk- und Assoziationsräume eröffnen.

Erstaunlich mutet die sprachliche Feinarbeit an, die Raab hier betreibt. Zufall ist das aber keiner, handelt es sich bei dem 1968 in Graz geborenen Autor doch um einen Naturwissenschafter, der in Wien und Berkeley studiert hat. Dass er nebenbei mit Oswald Wiener verkehrt hat, scheint wenig verwunderlich – war nicht einer der wichtigsten Ansätze Schreibender dieser Generation, unterschiedlichste Ebenen der Spracharbeit mit denen der Wissenschaft, der Philosophie, der Mathematik und der Musik zu verbinden? Die Wörter sind demnach nicht nur Bedeutungsträger, sondern werden als visuelle und phonetische Gestaltungselemente eingesetzt. Ganz im Sinne eines Post-Post-Modernisten.

Dementsprechend stellen Raabs Texte permanent Regeln auf, um sie wieder zu brechen. Da meint man schon in der ersten Arbeit, „Designer als Einzeller“, es gehe um eine Abhandlung über Designprodukte. Doch der Schein trügt. Denn bald schwappt der Text über eine durchaus individualisierte Lebensgeschichte der Modeschöpferin Lucinde und ihre ganz alltäglichen Problemen: Die Dame plagt sich nämlich mit ihrem Mietvertrag. Auch formal lehnt sich Thomas Raab also seine sprachrevolutionären Vorgänger an.

Die von ihm als „Lehrfabeln“ bezeichneten Überlegungen bestechen nicht durch ihre Länge, sondern durch Facettenreichtum: So mäandern die Texte, die oft mit Tieren zu tun haben, um Themenschwerpunkte herum, schaffen Denkketten und zeigen ein für die Philosophie und Literatur der Moderne wichtiges Prinzip: in Anlehnung an Philosophen wie Gilles Deleuze und Félix Guattari, für die alles miteinander verwoben ist.

Raab aber ist ganz Naturwissenschafter. In „Kampf der Giganten“ ist beispielsweise von einer überaus bösen, Pullover fressenden Motte die Rede, während „der Kunstkakadu“ den Literaturbetrieb auf die Schaufel nimmt. Auch über dressierte Seehunde, Gürtel- und Nagetiere sowie Schnecken, Elefanten und Schildkröten kann man im Buch einiges erfahren. Sichtweisen von Möwen und Enten werden spielerisch erläutert. Damit nicht genug: Sogar eine Diskursbiene legt einen fulminanten Auftritt hin.
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Das Thema Religion erfährt im Text „Schafes Gott“ indirekt Beachtung, wenn es heißt: „Dereinst wird Gott, der heute über unseren Köpfen sich zeigte, unser Land, diese unsere Weide zu einem blühenden Paradies machen – zum Heil unserer wunderbaren Erde!“ Aber auch ganz persönliche Schilderungen fehlen nicht: So wird in „Die Ahnung des großen Todes“ die Begegnung mit einer Schildkröte zur besonderen Begebenheit: „Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Schildkrötenerlebnis war mir die Schönheit in der Beschränktheit aufgegangen.“

Stets zieht Raab in seinen Arbeiten Parallelen zwischen der Pflanzen- und Menschenwelt. So werden die gerade in Mode gekommenen „fetten“ Models liebevoll mit Gürteltieren verglichen, werden Kuckucks zu eher unbegabten DJs – und auch ein Ei verfasst höchstselbst seinen Legebericht.

Damit wären wir bereits beim nächsten Thema: der Perspektive. Gekonnt gelingt es Thomas Raab, zwischen „ich“ „wir“ und „er/sie“ zu switchen, und das meist in nur einem einzigen Text. Da werden sowohl eigene Protagonisten erschaffen als auch persönliche Statements abgegeben – was die Artenvielfalt des Textes noch um einiges erhöht. Denn, wie es so schön heißt: Alle Welt ist Gottes Zoo. Also: kaufen, anschauen, lesen und klingen lassen.