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Das Home-Office trinkt weniger Kaffee

Den Kaffee-Baristas fehlen die Büroangestellten als Kunden.
Den Kaffee-Baristas fehlen die Büroangestellten als Kunden.imago images/Westend61
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Der weltweite Kaffeekonsum außer Haus kommt nicht in Fahrt, obwohl der Lockdown aufgehoben wurde.

Wien. Ein schneller Cappuccino im Café ums Eck – das war einmal. Auch wenn die Kaffeemaschinen in den Home-Offices auf Hochtouren laufen, kann das die Nachfragelücke, die coronabedingt geschlossene Büros reißen, nicht schließen.

Das US-Landwirtschaftsministerium hat ermittelt, dass der weltweite Kaffeeverbrauch im Coronajahr 2020 erstmals seit neun Jahren sinken wird. Und das, obwohl die Supermärkte ein gewaltiges Plus beim Kaffebohnenabsatz für die privaten Vorratskammern melden. Der Absatzausfall wegen geschlossener Cafés und Restaurants, die in normalen Zeiten 25 Prozent der Nachfrage stellen, ist dramatisch, und es dürfte lang dauern, bis sich die Lage wieder normalisiert.

Die Kaffeekultur ist in allen wichtigen Regionen auf dem Rückzug. Der Marktforscher Marex Spectron schätzt, dass weltweit rund 95 Prozent des Außer-Haus-Markts während der Pandemie von Schließungen betroffen war.

Notes, eine Londoner Coffeeshop-Kette, stellt zwar fest, dass die Beschränkungen nachlassen, aber dennoch lässt sie die meisten ihrer zehn Cafés, die sich an Büroangestellte wenden, geschlossen.

„Wir erwarten ein langsames und schrittweises Comeback, denn viele Büros in London machen erst nach dem Sommer wieder auf, manche vielleicht erst im nächsten Jahr”, so Gründer Robert Robinson.

Während die Wirtschaftstätigkeit nach dem Ende des Shutdown wieder anläuft, halten sich die Verbraucher mit dem Ausgehen zurück. Coffeeshops, die besonders stark von Pendlern abhängig sind, trifft das besonders hart. Dunkin Brands Group hat während der Pandemie einen Großteil seiner Frühstückskunden verloren. Starbucks reagiert mit einem Umbau seiner Läden in „Pickup”-Stores, in denen die Kunden ihren Kaffee online ordern und die ohne die sonst so beliebten Tische und Sessel auskommen.

Robinson hat seine Zweifel an solchen Geschäftsmodellen: „Wenn du Lust auf einen Cappuccino hast, kann Online-Bestellen nicht richtig funktionieren. Beim Kaffee geht es um das Soziale.“

 

Hohe Ernte, niedrige Preise

Eine schleppende Erholung der Kaffeenachfrage könnte auch für die weltweit rund 125 Millionen Menschen verheerend sein, deren Lebensunterhalt von der Kaffeeernte abhängt. Schon während der Finanzkrise hatten die Erzeuger zu kämpfen, nachdem jahrelang gute Ernten für einen lang anhaltenden Bärenmarkt, also für fallende Preise, gesorgt hatten. Citigroup prognostiziert, dass die Futures für Arabica-Bohnen in der zweiten Hälfte dieses Jahres um etwa zehn Prozent auf rund 90 US-Cents pro Pfund fallen könnten, was gerade eben die Kosten deckt. Derweil warnt die Internationale Kaffeeorganisation vor der Gefahr von Kinderarbeit in den Anbauländern, wo die Armut unter den Bauern auf dem Vormarsch ist.

Die brasilianische Cafékette Suplicy Cafés Especiais, eine der größten des Landes, musste Zahlungen an Bauern für bereits gelieferte Ware verschieben. Suplicy betreibt 25 Läden, von denen die meisten Mitte März aufgrund der Covid-19-Beschränkungen geschlossen wurden. Eine Handvoll machte kürzlich wieder auf, als die Vorschriften gelockert wurden – um erneut zu schließen, weil nicht genügend Kunden kamen.

Doch einige Cafébetreiber werden kreativ. Da die Kunden in den Städten wegbleiben, ziehen viele aufs Land – in den USA zum Beispiel in die Hamptons, wo wohlhabende New Yorker den Sommer verbringen und die Pandemie überbrücken. (Bloomberg)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2020)