Schnellauswahl
Wort der Woche

Infodemiologie als Folge von Corona

Die Folgen der Coronapandemie sind extrem vielfältig. Sie bewirkte nun sogar die Geburt einer neuen Wissenschaft: der Infodemiologie.

Diese Woche haben wir ein neues Vokabel gelernt: Infodemie. Gemeint ist damit die immense Informationsflut im Gefolge der Coronapandemie – inklusive vieler missverständlicher und falscher Meldungen sowie Verschwörungstheorien, die das Vertrauen in Behörden und Experten untergraben. Die Infodemie verstärke Stress und Sorgen, verunsichere die Menschen und treibe sie womöglich dahin, gefährlichen Ratschlägen zu folgen, hieß es am Dienstag bei einer von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) veranstalteten Online-Konferenz. Wie man dieses Phänomen in den Griff bekommen könnte, soll nun die neue Disziplin der „Infodemiologie“ ergründen. Beteiligt daran sind u. a. Mathematiker, Informatiker, Soziologen, Psychologen, Mediziner und Kommunikationsforscher.

Die Infodemie ist nur ein Beispiel für die vielfältigen Folgen, die Corona abseits der Hauptschauplätze Epidemiologie, Medizin und Ökonomie hat. Auf eine dieser Nebenwirkungen machte nun eine internationale Forschergruppe um Muhammad Usman aufmerksam: Aus Unwissen und falsch verstandenem Sicherheitsdenken würden derzeit viel zu viele Antibiotika (die eigentlich gegen Viren unwirksam sind) verschrieben bzw. eingenommen – Letzteres v. a. in Ländern, in denen Antibiotika rezeptfrei erhältlich sind (Science of the Total Environment, 18. 7.). Dadurch wachse das Risiko der Entstehung antibiotikaresistenter Bakterien, die Infektionen auslösen, die nur schwer behandelbar sind.

Bleibende Spuren wird Corona wohl auch in der Demografie hinterlassen. Eine Gruppe um den norwegisch-italienischen Forscher Arnstein Aassve hat untersucht, wie die Pandemie die verschiedenen Faktoren beeinflusst, die entscheiden, ob sich Menschen fortpflanzen oder nicht (Science, 24. 7.). Das Ergebnis fällt sehr differenziert aus: In reichen Ländern könnte die Fertilitätsrate in nächster Zeit sinken – als Gründe für das Verschieben eines Kinderwunsches werden die herrschende Unsicherheit, die gestörte Work-Life-Balance und der erschwerte Zugang zu künstlicher Befruchtung angeführt. In armen Ländern dürfte hingegen der gegenteilige Effekt eintreten: Die Wirtschaftskrise und die Unsicherheit könnten es für viele Menschen wieder interessanter machen, mehr Kinder zu bekommen (als unbezahlte Arbeitskräfte oder zwecks Altersversorgung); überdies sei derzeit der Zugang zu Verhütungsmitteln erschwert.

Sicher sind sich die Demografen freilich nicht. Denn die Pandemie hat eben unzählige Folgen, die wir in ihrer Vielfalt erst nach und nach erkennen.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2020)