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„The King of Staten Island“: Die Dramödie eines Spätzünders

Komiker Pete Davidson spielt sich hier de facto selbst: Auch er kämpfte sich nach einer traumatischen Kindheit hoch – bis in die Star-Liga.Universal Studios]
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Im jüngsten Film des Comedy-Moralisten Judd Apatow muss ein Entwicklungsgehemmter aus der Arbeiterklasse seine Dämonen abschütteln. Ab Donnerstag im Kino und im Netz.

Scott steckt fest. Stumpf starrt er ins Leere, den Fuß auf dem Gaspedal. Wenn er jetzt die Augen schließt, wenn er sie nur lang genug geschlossen hält, dann offenbart sich vielleicht ein Ausweg aus dem Daseinsschlamassel. Eins, zwei, drei . . . mein Gott, da vorne steht ein Auto! Quietschende Reifen, zorniges Gezeter – gerade noch davongekommen. „Sorry“, murmelt Scott. Nein, sterben will er dann doch nicht. Aber was will er eigentlich?

Schwer zu sagen: Sein innerer Blick ist nach hinten gerichtet. Davon zeugt schon die Großaufnahme eines Rückspiegels, mit der Judd Apatow seine Entwicklungsdramödie „The King of Staten Island“ eröffnet. Scotts toter Vater sitzt dem Sohn seit Kindertagen im Nacken. Ein Feuerwehrmann, im Einsatz verunglückt. Ein böser Heldengeist, in dessen Schatten man schwer aufblühen kann. Also vegetiert Scott vor sich hin – im staubigen New Yorker Hinterhof-Stiefbezirk, dessen Name den Filmtitel schmückt.

Mit Mitte zwanzig wohnt er immer noch bei seiner Mutter (Marisa Tomei), hängt ab mit seinen Bummelantenfreunden, hält die Gelegenheitspartnerschaft hin. Kifft, zockt, schlägt Zeit tot, träumt von einer Zukunft als Tätowierer und lässt niemanden an sich heran. Dabei ist er im Kern ein liebenswerter Kerl. Trauma, Trauer? Ach was, i wo!

Das Ziel: gesellschaftsfähig werden

Wer frühere Apatow-Arbeiten kennt, ahnt bereits, wohin der Hase läuft. Seit Anfang des Jahrtausends hat der 52-jährige Autor, Regisseur und Produzent der avancierten US-Lustspiellandschaft seinen Stempel aufgedrückt. Im Grunde behandeln Apatows Kinofilme stets Varianten ein und derselben Figur: Das Mannskind, das sich aus Angst vor Verantwortung weigert, erwachsen zu werden. Und die Behandlung führt immer zum selben Ergebnis – gereifter und genügsamer Gesellschaftsfähigkeit.

In „The 40 Year Old Virgin“ (2005) ist es die erste ernsthafte Beziehung des spätjungfräulichen Titelhelden, die ihn zwingt, seinen Actionfiguren den Rücken zu kehren. In „Knocked Up“ (2007) weckt eine ungewollte Schwangerschaft zwei Unentschlossene aus ihrem Dämmerzustand. In „The King of Staten Island“ angelt Scotts Mutter frische Liebe – und ringt sich durch, ihren zugedröhnten Wonneproppen vor die Tür zu setzen.

Der kann es nicht fassen. Zumal Mamas Neuer (super: Bill Burr) auch Feuerwehrmann ist. Und Vater eines Buben, dem Scott beinahe ein Superheldentattoo verpasst hätte. Sie werden sich zusammenraufen: Bald begleitet Scott die Kinder des Stiefpapas in spe zur Schule. Und gewinnt neuen Lebensmut.

Ein Harnisch aus Tattoos

Dass Apatows Bildungsromane nie so bieder und moralisierend wirken, wie sie sind, liegt einerseits an ihrem entspannten Oberflächenrealismus: Geplänkel unter Charakterköpfen, eine diesmal von Kameraass Robert Elswit („There Will Be Blood“) besorgte 35-mm-Film-Rustikalpatina. Zum anderen an Apatows Grundverständnis für die Startschwierigkeiten seiner Protagonisten. Man darf sogar in ihre Wunden spähen, wie in der eingangs erwähnten Suizidalszene. Doch die Dunkelheit bleibt nur angedeutet.

Pete Davidson gibt seinen Spätzünder mit einnehmender Ausstrahlung, zwischen gespielter Insolenz und tiefer Verletzlichkeit: Eingefallene Augen lugen aus knuffiger Knautschvisage, die Wulstlippen zusammengepresst oder vorlaute Sprüche spuckend, der schlaksige Körper geduckt und hinter einem Harnisch aus Tattoos versteckt. Schließt man die Augen, meint man einen nervösen Verwandten von Apatows Stammschauspieler Seth Rogen zu hören.

Verwandt, aber aus einer anderen Schicht: Bislang entstammten Apatows Figuren dem gepflegten Mittelstand. Hier wendet er sich der Arbeiterklasse zu. Deren prekäre Lebensbedingungen werden nicht komplett ausgeblendet: Eine Sequenz notiert das Elend eines Kellnerjobs, bei dem Scott um sein Trinkgeld boxen muss. Doch die Erzählschablone bleibt unverändert.

Hilf dir selbst!

Jenseits des Mutternests landet Scott ausgerechnet bei den örtlichen Feuerwehrleuten, die dem Taugenichts eine überfällige Realitätsdusche verabreichen – teilweise buchstäblich mit dem Wasserschlauch. In einer „Rocky“-artigen Montage mutiert er als Schani im heiteren Stahlbad des handfesten Patriotenberufsmilieus vom Drückeberger zum Frühaufsteher.

Seine psychischen Probleme, sein soziales Außenseitertum, seine klinischen Gebrechen (Morbus Crohn)? Bestenfalls Bagatellen, bloß eine Frage der Selbstüberwindung. Den Beleg realiter liefert Darsteller Davidson selbst: „The King of Staten Island“ ist ein Schlüsselfilm über seine eigene zerrüttete Vergangenheit, inzwischen ziert das Gesicht des Starkomikers und Ex-Habschis von Pop-Diva Ariana Grande die Klatschmagazine.

Apatows Glaube an den amerikanischen Traum und seine Skepsis gegenüber gesellschaftskritischen Ansätzen äußern sich früh im Film. Doch während sein Selbsthilfeprinzip im Wohlstandskontext adäquat erschien, wirkt es hier eher befremdlich – und erinnert an den Psychologen und Internet-Guru Jordan Peterson, der auf alle Fragen nur eine Antwort kennt: Rücken gerade, Schultern zurück! Das ist ein wenig zu wenig des Guten – auch wenn Apatow mehr kumpelhafter Sozialarbeiter ist als gestrenger Vater.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2020)