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Wort der Woche

Kein „Jahr der Biodiversität“

Smoke billows from a fire in an area of the Amazon jungle as it is cleared by loggers and farmers near Porto Velho, Rondonia State
REUTERS
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Für die Biodiversität wird das Coronajahr 2020 wohl kein gutes werden. Brasilien rodet wie wild Regenwald, und wichtige internationale Konferenzen finden nicht statt.

Die Coronapandemie zeitigt – zumindest kurzfristig – einige positive Auswirkungen auf die Umwelt: Die Emissionen von Stickoxiden sanken am Höhepunkt des Lockdowns um rund 30 Prozent, jene von Schwefeldioxid um 20 Prozent. Dadurch verbesserte sich die Luftqualität an vielen Orten der Welt. Auch der CO2-Ausstoß ist deutlich zurückgegangen; allerdings dürfte dies nur für ein minimales Abbremsen der Klimaerwärmung (in der Größenordnung von hundertstel Grad) reichen, haben Forscher um Piers Forster (University of Leeds) nun errechnet (Nature Climate Change, 6. 8.).

Auswirkungen auf andere Umweltbereiche wurden bisher kaum systematisch analysiert – dafür sind die Zeiträume auch noch zu kurz. Ziemlich sicher sind sich Experten indes, dass das Coronajahr 2020 – anders als geplant – kein „Jahr der Biodiversität“ wird: Nicht nur, dass in Brasilien Rekordflächen von Regenwald gerodet werden; es wurden auch einige wichtige Konferenzen abgesagt bzw. verschoben, bei denen man neue Abkommen und Ziele vereinbaren wollte. Auch dass bei der kurz vor Corona präsentierten EU-Biodiversitätsstrategie viel weitergeht, wird von Experten angesichts der veränderten Prioritäten bezweifelt. Immerhin läuft in Österreich derzeit ein Konsultationsprozess für eine neue nationale Strategie.

In der Wissenschaft ist die Artenvielfalt hingegen weiterhin ein absolutes Topthema, kaum eine Woche vergeht ohne spannende Neuigkeiten. So kam eine deutsche Gruppe um Jonathan Chase kürzlich zu dem Ergebnis, dass der Verlust geeigneter Lebensräume („Verfall von Habitaten“) noch schneller vor sich geht als angenommen (Nature, 29. 7.). Die bisherigen Vorhersagen zum Schrumpfen der Biodiversität seien zu optimistisch, heißt es.

Eine Überraschung kam dieser Tage von Forschern um Trisha Atwood (Utah State University): Eine alte Annahme über das Aussterberisiko von Tierarten dürfte nämlich falsch sein. Bisher ging man davon aus, dass ein Überleben umso schwieriger ist, je weiter oben eine Art in der Nahrungskette steht – dass also Raubtiere am ehesten Probleme bekommen. Die Biologen fanden nun bei der Analyse aller Wirbeltierarten auf der Roten Liste (4858 Säugetier-, 10.910 Vogel- und 6398 Reptilienarten) heraus, dass nicht die Fleischfresser das höchste Aussterberisiko haben, sondern Pflanzenfresser – und zwar v. a. große (Science Advances, 5. 8.).

Solche Erkenntnisse sollten möglichst rasch in die Praxis des Naturschutzes überführt werden.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.08.2020)