So stolz, so schön: Das Einhorn als Figurenuhr, aus Augsburg um 1600.
Mythos

Warum wir Tiere lieben, die es gar nicht gibt

Es ist nicht zu zähmen, edel, rein – und zum Kitsch verkommen: das Einhorn. Eine deutsche Ausstellung spürt nun seinem Einfluss auf die Popkultur nach. Die Geschichte des seltsamen Fabelwesens verrät viel über uns selbst.

Es kam der Punkt, vor zwei, drei Jahren, da war es dann zu viel. Das Tier, das es nicht gibt, breitete sich völlig unkontrolliert aus. Bis dahin war die Population im Kinderzimmer eingehegt, wo sie in Symbiose mit verträumten Mädchen lebte. Doch im Galopp überwand das weiße Pferd mit dem spiralförmigen Horn auf der Stirn die Grenzen seines angestammten Habitats. Man fand es bald in jedem Supermarktregal: auf Klopapierrollen mit Zuckerwatteduft, Etiketten von Weizenbier mit Himbeersirup und Tuben für Ketchup mit Glitzerteilchen. Kalender mit Sinnsprüchen motivierten uns Allerweltsmenschen, ein Exemplar dieser imaginären Art zu werden. Und es bevölkerte, in seiner Mutation zur aufblasbaren Badeinsel, heimische Schotterteiche. Als der Hype seinen Höhepunkt erreichte, gaben es genervte Kommentatoren zum Abschuss frei: Das Einhorn ist dem Kommerz verfallen, blasen wir zur finalen Treibjagd!