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Ai Weiwei

"Coronation": Stiller Tanz in der Desinfizierstraße

Filmstill aus Ai Weiweis Dokumentarfilm „Coronation“ über den Lockdown von Wuhan, abrufbar u. a. auf Vimeo für eine Leihgebühr von fünf Euro.
Filmstill aus Ai Weiweis Dokumentarfilm „Coronation“ über den Lockdown von Wuhan, abrufbar u. a. auf Vimeo für eine Leihgebühr von fünf Euro.(c) Studio Ai Weiwei
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Der Künstler Ai Weiwei hat im Internet seinen neuen Dokumentarfilm „Coronation“ veröffentlicht: ein (vorhersehbar) erschreckendes Zeitdokument.

Wie Gottes Auge schweift die Kamera über eine graue Stadtlandschaft, langsam, schwebend. Die Drohnenfahrt zieht über ein großes Gebäude hinweg, dahinter erscheinen Bahngleise, Dutzende nebeneinander, der Hauptbahnhof der Elf-Millionen-Stadt Wuhan. In Reih und Glied steht darauf eine Armee hier gestrandeter Schnellzüge – still. Nur nicht der wummernde, Paranoia weckende Soundtrack dazu. Nichts geht hier mehr. Alles apokalyptisch. Hollywood wird seinen absehbaren Corona-Pandemie-Blockbuster nicht dramatischer starten können.

Nein, Ai Weiwei führt in seinem neuen Film „Coronation“ nicht die subtile Klinge, weder optisch noch ideologisch. Der 115 Minuten lange Dokumentarfilm über den Lockdown von Wuhan, der gerade online (etwa auf Vimeo) veröffentlicht wurde, ist eine schwer bedrückende, bildmächtige Vorführung des chinesischen Staats als menschenentwürdigendes, doktrinäres System anhand einer Ausnahmesituation.

Das ist inhaltlich nicht sonderlich überraschend im Werk des chinesischen Starkünstlers, der mittlerweile nicht mehr in Berlin, sondern in Cambridge lebt. Trotzdem ist ihm allein schon durch die absolute Aktualität, durch die Schnelligkeit dieser filmischen Reaktion, mit diesem Film ein Coup gelungen. Gleich zu Beginn des Lockdowns von Wuhan am 23. Jänner hat Ai Weiwei begonnen, filmen zu lassen. Aus England dirigierte er ein Team von Amateuren, die vor Ort das Filmmaterial selbst drehten bzw. beschafften. Unglaublich, dass daraus ein derart einheitlicher Film wurde.

Eine Handvoll Protagonisten werden entweder nach ihrer Geschichte befragt oder stumm in ihrem Alltag begleitet. Niemand kann sich etwa der klaustrophobischen Szene entziehen, die einen Arzt auf seinem Weg in eines der neu errichteten Krankenzentren zeigt: Minutenlang begleiten wir ihn dabei, wie er durch einen fensterlosen, scheinbar nicht enden wollenden Gang geht.