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Golli Marboe in seinem Wiener Büro. Der Sohn des Journalisten nahm sich mit 29 Jahren das Leben.
Suizid

Wenn das Leben dunkel wird

Die Suizidrate in Österreich ist seit den 1980er-Jahren stetig gesunken, doch Herausforderungen wie der Ausbau von Therapiemöglichkeiten bleiben. Die Coronakrise birgt neue Gefahren für betroffene Menschen.

Erinnerungen haben es an sich, dass ihr Referenzpunkt in der Vergangenheit liegt. Für Golli Marboe hat die Erinnerung an Tobias immer etwas Gegenwärtiges, es ist Tobias in der Jetztzeit. In seinen Notizen an den Sohn hält Marboe regelmäßig fest, wie Rapid sich diesmal auf dem Feld geschlagen hat. Er schreibt von dem Lokal, wo Ziggy Stardust aus dem Lautsprecher tönte und plötzliche Trauer den Vater überkam. Er schreibt von Tobias' Bruder und dann wieder von Rapid. Er schreibt, wie es ihm selbst geht, warum er an diesem Tag überhaupt aufgestanden ist.

Es sind Momentaufnahmen für den Sohn, der sich vor zwei Jahren das Leben nahm, der aber dennoch geblieben ist. „Ich habe diese Freiheit“, sagt Marboe, „mich immer mit ihm austauschen zu können über alles, was im Leben eine Rolle spielt.“ Tobias war 29 Jahre auf der Welt, ein volles Leben, wie sein Vater sagt. Als Künstler hat er gedichtet, geschrieben, gemalt, komponiert, entworfen, immer mit dem Rückhalt seiner Familie, die darauf bedacht war, Talente auszuleben, sich nicht zu verstecken. Und da war vielleicht auch der Druck, diesen Ansprüchen zu genügen. Das Künstlerdasein war für Tobias nicht leicht, materiell gesehen, er lebte bescheiden. Für Hilfe war er zu stolz, sagt sein Vater, „wie überhaupt Stolz ein Riesenproblem ist“. Tobias hatte es schwer in einer Gesellschaft, die die Zugehörigkeit nach Erfolg misst. Gäbe es ein bedingungsloses Grundeinkommen, wäre sein Sohn noch am Leben, davon ist Marboe überzeugt. Zu dieser materiellen Not kommt noch etwas dazu, das Unwissen der Umgebung über psychische Krankheiten. „Wenn man weiß, wie man sich mit depressiven Menschen auseinandersetzen soll, kann man ihr Unglück vielleicht verhindern.“

Marboe, Journalist und Dozent aus Wien, will über all das reden. Warum Menschen von Traurigkeit erfasst werden, warum das öffentlich so wenig vorkommt, warum psychische Krankheiten nicht als „normale“ Krankheiten gelten. Was zu einem Suizid führt, was ein Suizid mit den Hinterbliebenen macht.


Betroffene auf dem Land. Im Jahr 2018 haben sich in Österreich 1209 Menschen das Leben genommen. Im Vergleich zu den 1980er-Jahren ist das ein starker Rückgang, selbst im internationalen Vergleich kann hier eine Verbesserung festgestellt werden. Pro 100.000 Einwohnern liegt die Suizidrate hierzulande bei etwa 14 Fällen, diese Zahl lag schon einmal deutlich bei über 25. In den Bereichen Prävention und Forschung hat sich einiges getan, zudem haben sich zwei Entwicklungen positiv ausgewirkt, wie der Psychotherapeut Peter Stippl feststellt: Zum einen sind neue und verbesserte Psychopharmaka auf den Markt gekommen, zum anderen kam die Psychotherapie langsam, aber sicher in der Gesellschaft an. Noch bis in die 1970er-Jahre galten Suizide als ein urbanes Problem, mittlerweile hat sich das geändert, sagt Thomas Niederkrotenthaler, Forscher an der Medizinischen Uni Wien (Suizidforschung). „Das hat mit der demografischen Entwicklung zu tun. Ältere Menschen weisen eine höhere Suizidrate auf, bei Männern ab 75 Jahren ist es wirklich ein großes Problem. Nun leben auf dem Land mehr ältere Menschen. Und psychosoziale Beratungsangebote sind in der Stadt eher ausgebaut.“

Trotz aller Fortschritte bleiben Herausforderungen bestehen. „Die größte Hemmschwelle für erfolgreiche Suizidprävention ist das Stigma“, sagt Niederkrotenthaler. „Betroffene mit Suizidgedanken, oder jene, die einen Versuch hinter sich haben, zögern, sich Hilfe zu suchen.“ Diese Hilfe, da ist sich die Forschung mittlerweile einig, bezieht sich nicht nur auf Psychologen. Angehörige, Lehrer, Ausbildner, Vorgesetzte, Beamte – viele können helfen, einwirken, doch dafür braucht es neben Sensibilität auch Aufklärung und Wissen. Ein derartiges Projekt zur Erkennung von Suizidalität hat die Ärztin und Psychotherapeutin Ulrike Schrittwieser geleitet. In jedem Bundesland wurden fachlich qualifizierte Trainer geschult, die nun ihrerseits in Kursen über Frühwarnzeichen und Risikofaktoren von Suizidalität referieren. Diese sogenannten Gatekeeper-Programme stehen für alle offen, sagt Schrittwieser; für Mitarbeiter von Krisenteams genauso wie für die Allgemeinbevölkerung: „Suizidprävention ist eine grundsätzlich menschliche Kompetenz.“ Dieses kollaborative Moment steht auch heuer im Mittelpunkt des Welttages der Suizidprävention, der u. a. auf Initiative der Weltgesundheitsorganisation jedes Jahr am 10. September begangen wird. „Hand in Hand für Suizidprävention“ lautete etwa das Motto 2019.

Kopf als Regulativ. Menschen mit Suizidgedanken finden sich sehr oft in der viel zitierten Abwärtsspirale wieder. Schicksalsschläge, Ängste, das Verlieren von Vertrauen – in sich selbst und in die Umgebung –, das Nicht-Finden von Lösungen. Psychotherapeut Stippl spricht von suizidaler Einengung, vergleichbar mit einem Tunnel, der dem Betroffenen das Gefühl gibt, alle Ressourcen verloren zu haben. Wenn einen diese Sinnkrise überkommt, Einsamkeit und Traurigkeit, ist sofortige Hilfe lebensrettend. Die Betroffenen sind nicht allein.

„Nach Krankheiten und Unfällen“, sagt Marboe, „bleibt mir mein eigener Kopf als Regulativ. Ich kann mich motivieren: Wenn ich die Chemo überstehe, wird es mir wieder gut gehen. Bei psychischen Krankheiten fehlt diese Selbstkontrolle. Dementsprechend brauche ich die Hilfe von außen.“ Für Angehörige sei diese Hilfe oftmals eine Grenzüberschreitung. Man solle nicht sagen: Wir lassen ihn in Ruhe, heute geht es ihm nicht gut. Sondern: „Über die Dinge sprechen. Symptome lesen.“

Tobias hat seinen Vater über seinen Tod hinaus „reich beschenkt“. Er hat Texte und Werke hinterlassen, mit denen sich Marboe weiterhin auseinandersetzen kann. Die Suche nach Hoffnung nach Tobias' Suizid war für ihn eine Mischung aus Sehnsucht und Pragmatismus, sagt Marboe rückblickend: „Was wäre die Alternative, wenn ich keine Hoffnung hätte?“ Seine Enkelin Alma entwickle sich so hinreißend, „dass ich den Gedanken für mich zulasse, dass der Tobi darauf schaut“. Tobias hat seine Nichte Alma geliebt, überhaupt war er „liebesfähig“, wie die Stichwortsammlung von Familie und Freunden auf seiner Parte zeigt. Er war versöhnlich, hilfsbereit, feinfühlig, ein Torschützenkönig und Freigeist, er hatte immer Ingwer zu Hause und mochte Tiramisu-Eis. Sein Vater hegt die Hoffnung, ihm irgendwann nochmal begegnen zu können.

Was Marboe nach dem Suizid seines Sohnes noch geholfen hat, waren Medikamente – und er empfehle das unbedingt jedem betroffenen Angehörigen. Man könne zunächst nicht schlafen, und ohne Schlaf könne man sich keinem Thema stellen. Eine „Kaltstellung“ waren die Medikamente keineswegs, sagt er. „Du wirst nicht dumpf gemacht oder betäubt. Du bleibst traurig, du weinst weiter, aber du hast auch die Möglichkeit, wieder die Sonne zu sehen, die Alma zu bemerken.“

Krisenzeit Pandemie. Hilfe und Therapiemöglichkeiten erhielt Marboes gesamte Familie im Wiener Kriseninterventionszentrum. Dorthin kann man sich nicht nur als Betroffener von Suizidgedanken wenden, sondern auch bei Krisen im Zusammenhang mit der Coronapandemie. Mit Einbruch dieses globalen Notstandes kamen auch die Befürchtungen auf, dass die Suizidrate ansteigen könnte. Vorläufig bekannte Daten aus Ländern wie Neuseeland, Japan, einigen deutschen Bundesländern und Australien lassen diesen Rückschluss nicht zu, wie Niederkrotenthaler sagt – eher im Gegenteil. „Das ist durchaus konsistent mit anderen Krisen, etwa Naturkatastrophen oder Terroranschlägen. In der ersten Phase gehen Suizide zurück, da sich die Gesellschaft auf andere Themen fokussiert und es soziale Unterstützung gibt.“ In Österreich war das etwa die Einführung der telefonischen Psychotherapie auf Krankenschein, eine wirksame Maßnahme, wie sehr viele Therapeuten überzeugt sind.

Die große Frage wird bleiben, ob diese Entwicklung langfristig aufrechterhalten werden kann, vor allem mit dem Wissen, dass psychische Probleme zeitverzögert auftreten können. Gerade deswegen sei es wichtig, die telefonische Therapie auf Krankenschein beizubehalten, sagt Niederkrotenthaler. Stippl weist ergänzend darauf hin, dass die psychotherapeutische Hilfe als einzige Krankenbehandlung mit Kontingenten limitiert ist. „Für Menschen mit suizidaler Einengung ist das nahezu ein Todesurteil.“ Insbesondere in Krisenzeiten brauche es die Auflösung dieser Kontingente sowie die Therapie per Telefon, die eben auch für Betroffene auf dem Land leicht zugänglich ist.

Die aktuelle Krise wird auch in naher Zukunft eine Zeit der Unsicherheit bleiben – und mit Unsicherheit kommen Menschen bekanntlich schwerer zurecht als mit einem greifbaren „Gegner“ in bekannter Gestalt. Die Isolation war für Menschen mit vorbestehenden Ängsten und Störungen besonders schwierig, berichtet Psychotherapeutin Schrittwieser von ihren Klienten. Und niemand weiß, ob nicht ein zweiter, wenn auch geografisch begrenzter Lockdown bevorsteht. Die Zahlen zeigen jedenfalls, dass nach dem Chaos der Weltwirtschaftskrise 2008 die Suizide weltweit um 3,3 Prozent angestiegen sind, doch in Österreich stagnierten sie. Insgesamt, so Niederkrotenthaler, hätten Länder mit stärkerem Sozialsystem besser abgeschnitten.

Sind von Suiziden generell Männer stärker betroffen, zeigt die Coronakrise doch einmal mehr, dass auch Jugendliche mit wachsenden Herausforderungen zu kämpfen haben. Praktika und Lehrstellen sind weggefallen, die Resilienz ist oft noch nicht so gefestigt wie bei Erwachsenen. Niederkrotenthaler ortet hier eher ein Generationen- als ein Covid-19-Thema. Bei seiner laufenden, repräsentativen Studie, in der die Bevölkerung in mehreren Wellen nach ihrem Leben und Alltag befragt wird, zeige sich die Gruppe der Jugendlichen besonders fragil: Junge Menschen ab 16 plagen Angst und Suizidgedanken angesichts einer ungewissen Zukunft. Hier gilt einmal mehr: Spezifische Unterstützungsangebote sind unerlässlich.

Ein umstrittenes Thema ist der assistierte Suizid – in Österreich wird es dazu ein konkretes Urteil geben. Vier Personen wollen, finanziell unterstützt durch den Schweizer Sterbehilfeverein Dignitas, das Verbot der Beihilfe zur Selbsttötung und der Tötung auf Verlangen vor dem Verfassungsgerichtshof zu Fall bringen; Ende September wird sich das Höchstgericht damit beschäftigen. Bislang ist ein substanzieller gesellschaftlicher Diskurs über die Folgen dieses Urteils ausgeblieben: Über die Signalwirkung von erlaubter Sterbehilfe bis hin zu der Freiheit des Einzelnen, das Ende seines Lebens im Falle einer tödlichen Krankheit selbst zu bestimmen. In Deutschland haben die Verfassungshüter das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe heuer im Februar gestürzt. Bereits davor galt die Gesetzeslage in Österreich als strenger als in Deutschland.

Abhängig ist die Suizidrate auch von der Medienberichterstattung, wie zahlreiche Studien belegen. Sensationsträchtige, detailreiche Texte und Bilder ziehen weitere Suizide nach sich (Werther-Effekt). So stiegen im Wien der 1980er-Jahre die Suizide in den U-Bahn-Stationen, einhergehend mit entsprechender Berichterstattung. Erst nach konkreten Empfehlungen für Medien ging die Rate nachhaltig zurück – trotz Ausbaus des Netzes. Bei der Berichterstattung mahnt der Österreichische Presserat im Allgemeinen zu „großer Zurückhaltung“.


Über die Dinge sprechen. „Für die Eltern gibt es kein größeres Scheitern als den Suizid des Kindes; auch, wenn man daran nicht schuld ist, es ist das größte Versagen, das man erleben kann.“ Viel könne ihm nicht mehr passieren, sagt Golli Marboe. Frühere Ziele seien keine Ziele mehr, das Materielle sei eine Ermahnung geworden. Golli Marboes Freunde sagen ihm immer wieder: „Du hast auch andere Menschen um dich.“ Ja, es gibt drei Kinder und die Enkelin, sie dürfen nicht vergessen werden. „Wenn aber jemand zu mir käme und sagen würde: Das ist schon lang her, jetzt könntest du weniger über den Tobias sprechen – dann werde ich mich nicht mehr in Contenance üben können. Nein, das ist die scheißgrößte Katastrophe in meinem Leben, und das wird so bleiben.“ Man müsse über die Dinge sprechen, sagt Marboe nochmals. Seine Notizen an Tobias werden nächstes Jahr im Residenz-Verlag als Buch erscheinen. ⫻

Hilfe in Krisensituationen

Landesweit und in den Bundesländern können sich Betroffene und Angehörige an verschiedene Hilfsstellen wenden.
Wenn Sie Hilfe, Ratschläge oder Unterstützung in schwierigen Lebenslagen brauchen, können Sie sich an folgende Einrichtungen wenden: Die Telefonseelsorge 142 ist 24 Stunden am Tag österreichweit gebührenfrei erreichbar. Darüber hinaus sind Chatberatung sowie E-Mail-Beratung möglich. www.telefonseelsorge.at

Jugendliche und Angehörige können auf der Website www.bittelebe.at Hilfseinrichtungen - auch in den Bundesländern - finden. Darüber hinaus ist Rat auf Draht unter der Telefonnummer 147 jederzeit erreichbar.

Unter www.promenteaustria.at sind weitere Angebote in den einzelnen Bundesländern aufgelistet.

Das Kriseninterventionszentrum in Wien berät unter der Telefonnummer 01 406 95 95. Auch eine E-Mail-Beratung wird angeboten. www.kriseninterventionszentrum.at

Das Akut-Team Niederösterreich ist unter der Hotline 0800 144 244 erreichbar. www.akutteam.at

Die Krisenhilfe Oberösterreich ist unter der Telefonnummer 0732 21-77 jederzeit erreichbar. www.krisenhilfeoe.at

Die Universitätsklinik für Psychiatrie in Innsbruck bietet telefonische Notfallunterstützung vom diensthabenden Psychiater unter der Nummer 050 504 an - täglich 0-24 Uhr. www.psychiatrie.tirol-kliniken.at.

Die Krisenhotline Salzburg ist unter der Telefonnummer 0662 433351 jederzeit erreichbar.

Psychiatrischer Not- und Krisendienst am Klinikum Klagenfurt: 0664 300 7007, rund um die Uhr erreichbar.

Beratungsstelle in Vorarlberg: www.supro.at

Burgenland: www.psychosozialerdienst.at

Steiermark: www.plattformpsyche.at

Kindernotruf: 0800 567 567. 24-Stunden-Telefonberatung in akuten Krisen und Konfliktsituationen.

Frauenhelpline: 0800 222 555
Männernotruf: 0800 246 247

Das Institut für Suizidprävention Graz veranstaltet am 26. September eine Tagung zum Thema "Suizidprävention in Zeiten von Pandemien". Neben historischen Beispielen wollen die Vortragenden besonderes Augenmerk auf ältere Menschen und Jugendliche legen. 09.00 bis 16.30 Uhr, Wartingersaal, Karmeliterplatz 3, 8010 Graz.

Suizide

Im Jahr 2018 nahmen sich in Österreich 1209 Menschen das Leben – das waren fast drei Mal so viel wie Verkehrstote (409 Personen). Die Suizidrate für das Jahr 2019 steht noch aus.
Die Weltgesundheitsorganisation hat für das Jahr 2016 die Daten weltweit erhoben. Demnach nahmen sich etwa 793.000 Menschen das Leben. Österreich lag damals mit 15,6 Fällen pro 100.000 Einwohnern im oberen Viertel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2020)