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Ein Roadtrip durch Erinnerungen

Missing Lisa
Ylena (Laurian Callebaut, M.) und Zoë (Violet Braeckman, r.) lesen in Lisas Tagebuch. Michiel (Boris Van Severen, l.) filmt _ er möchte die Reise dokumentieren.ZDF und Sofie Gheysens
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In der deutsch-belgischen Drama-Serie „Missing Lisa“ heften sich drei Freunde auf die Spuren einer Verschollenen – und erfahren wenig Erfreuliches über sich selbst.

Ist Lisa tot? Wurde sie entführt? Oder ist sie nur auf und davon in ein neues Leben? Sie wollte auf dem Fernwanderweg GR 5 von Rotterdam nach Nizza wandern. Doch sie ist nie angekommen. Nur ihr Rucksack taucht auf – bei einem Obdachlosen. In ihrem Tagebuch, das die Ermittler darin finden, stehen Sätze, die Familie und Freunde verstören, und solche, die die Hoffnung schüren, dass Lisa (Indra Cauwels) noch leben könnte: „Weggehen ist etwas anderes als sich aus dem Haus zu schleichen. Du schließt sanft die Tür hinter deinem Dasein und kehrst nicht zurück . . .“

Fünf Jahre nach Lisas Verschwinden machen sich ihre Freunde auf den Weg – sie wollen die gleiche Strecke gehen, um ihr noch einmal nah zu sein, um vielleicht Indizien dafür zu finden, was passiert ist. Auch das schlechte Gewissen ist ein Begleiter auf diesem Roadtrip in die Vergangenheit, der einen frösteln lässt. In der achtteiligen, deutsch-belgischen Drama-Serie „Missing Lisa“, die stimmungsmäßig immer wieder in Richtung Thriller kippt, windet und regnet es ständig. Das Szenario erinnert an Skandinavien-Krimis, und trotz der schönen Landschaft hat man nicht das Gefühl, hier auch einmal unterwegs sein zu wollen.

„Das Leben ist zum Kotzen"

Am Start taucht Ylena freudig ein kleines Fläschchen in die Nordsee – sie will das Wasser bis ans 2080 Kilometer entfernte Mittelmeer tragen. Was in den kommenden Wochen passieren wird, das können die drei nicht ahnen. Es wird ein Roadtrip, der mitten hinein führt in Erinnerungen, Verletzlichkeiten, persönliche Albträume. Je länger sie marschieren, desto deutlicher treten die Bruchlinien ihres Lebens zutage. Wie bei Lisa. „Good memories are for liars“, notierte Lisa in ihr Tagebuch, und ganz zum Schluss: „Das Leben ist zum Kotzen.“ Auch Zoë findet, „gute Erinnerungen werden überschätzt“. Sie muss aus Lisas Notizen erfahren, dass sie ihr eine miserable Freundin war. Auch das ist ein Ziel, auf das hier alle unfreiwillig zusteuern: Selbsterkenntnis.

Eine Rechnung offen

Jeder scheint etwas anderes zu wollen: Michiel (Boris Van Severen) dreht einen Film über die Reise. Es ist, als wäre „Missing Lisa“ ein Film über die Entstehung dieses Films. Die wohltuend langsamen Erzählweise passt in dieses Bild, die immer wieder wortlosen Sequenzen auch. Michiel wirkt gelassen, leidet aber an plötzlichen Wutausbrüchen und trommelt sich die Fäuste an einem Baumstamm blutig. Zoë (Violet Braeckman) wollte schon lang auf Lisas Spuren wandern – kann dann aber das Wiedereintauchen in den Schmerz nicht ertragen. Ylena (Laurian Callebaut) nützt die Reise als Auszeit vom Familienleben. In einer verstörenden Sequenz sieht man, wie sie sich – noch daheim – selbst mit heißem Wasser quält, später springt sie auf, um ihrem Mann etwas zu kochen. Also auch hier viel Schein. Explosiv wird die Mischung, als sich Lisas Vater Piet (Lucas Van den Eynde) anschließt und Lisas Ex-Freund Asim (Saïd Boumazoughe) auftaucht, der mit Piet eine Rechnung offen hat. Je länger das Grüppchen wandert, umso deutlicher wird, dass Lisas Familie, aber auch die Freunde, alle Geheimnisse hüten.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2020)