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Filmfest Venedig

Im Wohnmobil zum goldenen Löwen

Frances McDormand ist perfekt besetzt.
Frances McDormand ist perfekt besetzt.(c) Courtesy of SEARCHLIGHT PICTURES
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Der Hauptpreis des Filmfestivals von Venedig ging an das US-Roadmovie „Nomadland“. Österreichs Ko-Beitrag „Quo vadis, Aida?“ ging leer aus.

Der Hauptpreis der Filmfestspiele von Venedig wurde heuer im Van abgeholt. Nicht persönlich, sondern per Videoschaltung. Denn weder Regisseurin Chloé Zhao noch Hauptdarstellerin Frances McDormand konnten bei der Preisverleihung dabei sein. Und bedankten sich, passend zu ihrem Roadmovie „Nomadland“, vor der Kulisse eines Kombis für die Ehre.

Eine Erinnerung an die besonderen Umstände, unter denen der goldene Löwe heuer vergeben wurde. Obwohl der Siegerfilm sich nicht auf die globale Pandemie bezieht, hat die Jury unter der Leitung von Cate Blanchett (der auch die österreichische Filmemacherin Veronika Franz angehört) eine treffende und zeitgemäße Wahl getroffen. „Nomadland“ ist das empathische Porträt sozialer Außenseiter, die von den Wirrnissen dieser Tage besonders schwer getroffen werden. Nicht zuletzt in den USA, wo das Auffangnetz des Wohlfahrtstaates locker sitzt.

Perfekt besetzt

McDormand ist perfekt besetzt: Als gutherzige, aber hartgesottene Fabrikarbeiterin, die nach der Finanzkrise ihren Fabrikjob in Nevada verliert. Und sich entschließt, fortan in ihrem Wohnmobil zu leben.  Alleine reist sie durch den Westen der USA, hält sich mit Aushilfsjobs über Wasser, erkundet die weite, schöne, abweisende Landschaft – und trifft dort auf eine Aussteigergemeinschaft, die eine bescheidene Utopie abseits der Mehrheitsgesellschaft kultiviert.

Die meisten dieser Wahlnomaden spielen sich selbst, was dem Film (der meisterlich auf der Schneide zwischen Hoffnung und Verzweiflung balanciert) berückende Authentizität verleiht. Sein Rückgrat bildet aber McDormands fantastisches Spiel. Dennoch eignet dem verdienten Sieg eine gewisse Ironie, geht der Goldlöwe doch indirekt auch an Disney – denn Fox, die Produktionsfirma des Films, wurde 2019 vom Medienkonzern gekauft.

Jasmila Zbanićs österreichisch koproduziertes Kriegsdrama „Quo Vadis, Aida?“ ging leer aus. Die Verleihung, bei der es teils ziemlich emotional zuging, wirkte mal wie ein andächtiges Benefizkonzert, mal wie eine öffentliche Zoom-Konferenz. Der Löwe für die beste Darstellerin ging an die britische Senkrechtstarterin Vanessa Kirby, die in gleich zwei Wettbewerbsbeiträgen zu überzeugen wusste, „The World to Come“ und „Pieces of a Woman“. Der Italiener Pierfrancesco Favino, der bei uns unlängst im Mafiafilm „Il Traditore“ begeisterte, erhielt den Darstellerpreis für sein Porträt eines Mannes, der von einem Terroranschlag traumatisiert wird („Padrenostro“).

Das Festival, das allen Zweifeln zum Trotz reibungslos über die Bühne ging, fand so einen ermutigenden Abschluss. Doch bei allem Respekt für die Effizienz, mit der Venedig seine covidkonformen Rahmenbedingungen implementiert hat: Manches fehlte. Etwa ein beträchtlicher Teil der üblichen Besucherschaft. Dafür machte die Suspendierung des Gewohnten machte Veränderung möglich: Plötzlich rückte Geschlechterparität im Wettbewerb in greifbare Nähe, talentierter Nachwuchs ins Rampenlicht.

Ein Wendepunkt, ein Generationenwechsel?

Das wird sich erst nach der Pandemie weisen. Noch ist alles in der Schwebe, die Zukunft des globalen Festivalbetriebs unklar. Implizit spiegelte auch der Wettbewerb die Labilität der Weltlage. Die Sorge der Regisseure galt politischen Verwerfungen. Manche Beiträge, wie die mexikanische Dystopie „Nuevo orden“, malten mahnend Teufel an die Wand. Andere blickten in die Vergangenheit, ohne die Gegenwart aus den Augen zu lassen.

Etwa das Historiendrama „Dorogie Tovarischi!“: Regie-Urgestein Andrej Kontschalowski, der mit dem Spezialpreis der Jury geehrt wurde, beleuchtet darin den Arbeiteraufstand von Nowotscherkassk, der von der Chruschtschow-Regierung niedergeschlagen und totgeschwiegen wurde. Susanna Nicchiarelli widmet sich in ihrem Biopic „Miss Marx“ dem Leben der jüngsten Tochter des berühmten Philosophen, während die italienische Theatermacherin Emma Dante in der Verfilmung ihres Stücks „Le sorelle Macaluso“ fünf Schwestern über drei Lebensalter hinweg porträtiert: intensives Schauspielerkino. Kiyoshi Kurosawas „Wife of a Spy“, der den verdienten Regiepreis einheimste, verwickelt seine Hauptfigur in ein subtiles Spionagespiel zur zweiten Weltkriegszeit, dessen fatales Finale verstört