Klasnic-Kommission: Schon 350 Missbrauchsopfer

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Neue Sachverhaltsdarstellungen an die Staatsanwaltschaft in Arbeit. Mehr als die Hälfte betreffen Vorfälle in Internaten und Schulen von Ordenseinrichtungen. Zwei Drittel der Meldungen stammen von Männern.

WIEn.Transparenz hat Kardinal Christoph Schönborn versprochen– bei der Aufarbeitung der Fälle (sexueller) Gewalt in der katholischen Kirche. Und bisher halten sich alle an diese erzbischöfliche Vorgabe. Wie die „Presse“ erfährt, haben sich nach aktuellem Stand schon 350Opfer bei jener Kommission gemeldet, die von der steirischen Ex-Landeshauptfrau Waltraud Klasnic geleitet wird. Mitte Juli waren es „nur“ 300Fälle gewesen.

Mehr als die Hälfte betreffen Vorfälle in Internaten und Schulen von Ordenseinrichtungen. Zwei Drittel der Meldungen über Gewalt und/oder sexuelle Übergriffe stammen von Männern.

Gleichzeitig geht nach Informationen aus der Kommission die Zahl der Neumeldungen langsam zurück. Einen neuen Anstieg erwartet man jedoch bereits für den Herbst. Dann nämlich, wenn die Kommission die ersten Zusagen für Entschädigungszahlungen an Opfer machen will. Die zuletzt vereinbarten Sätze liegen zwischen 5000 und 25.000Euro, abgestuft nach der Schwere der Fälle.

Unabhängig von diesen Zahlungen werden auch jetzt schon von der Klasnic-Kommission und den Ombudsstellen der neun Diözesen Therapiekosten für Opfer übernommen. Die nächste Sitzung der Klasnic-Kommission ist für 7.September in Wien angesetzt. Bis dahin will die Vorsitzende weitere direkte Gespräche mit Betroffenen führen, sofern sie dies auch wünschen – und sehr viele äußern diesen Wunsch.

Die Kommission arbeitet derzeit auch weitere Anzeigen aus. Zu Beginn der Sommerferien wurde ein Mitglied der Schulbrüder in Wien-Strebersdorf angezeigt. Nun sollen weitere Sachverhaltsdarstellungen an die Staatsanwaltschaft übermittelt werden. Betroffen sein sollen diesmal andere Institutionen, nicht also erneut die Schulbrüder, wie vereinzelt in Medien kolportiert worden ist.

 

Austrittszahlen unter Verschluss

Der Kommission gehören unter anderen Verfassungsgerichtshof-Vizepräsidentin Brigitte Bierlein, Kirchenkritiker Hubert Feichtlbauer, Ex-Stadtschulratspräsident Kurt Scholz und Psychologenverbandschefin Ulla Konrad an.

Eine ähnliche Transparenz wie bei den Missbrauchsfällen lässt die katholische Kirche Österreich neuerdings aber dann vermissen, wenn es um mittelbare Konsequenzen geht.

Zahlen über die Entwicklung der Austritte werden derzeit unter Verschluss gehalten. Anders als bisher soll die Öffentlichkeit erst zu Beginn des nächsten Jahres darüber informiert werden. Dann aber auch gleichzeitig über die Entwicklung der Zahlen der Messbesucher, der Taufen, der Hochzeiten etc., wie es heißt.

Laut einem „Standard“-Rundruf in den Landeshauptstädten soll sich die Zahl der Austritte nun sogar mehr als verdoppelt haben. Angaben für Wien und andere Gemeinden fehlen zwar, es gilt jedoch als unwahrscheinlich, dass dort der Trend völlig anders läuft.

2010 wird so jedenfalls als neues Rekordjahr in die Kirchengeschichte eingehen. Zwar geht die Zahl der Austrittsmeldungen seit Juli wieder zurück, mittlerweile rechnen manche aber schon mit bis zu 100.000Katholiken, die der Kirche bis Jahresende den Rücken kehren werden. Im bisherigen Rekordjahr sind es 53.000 gewesen.