Schnellauswahl
Slash-Filmfestival

Crazy im Kino, Corona zum Trotz

relic
Intensive Eskalation: Der Eröffnungsfilm „Relic“ von der Australierin Natalie Erika James erzählt mit Horror-Mitteln ein Demenzdrama.Slash
  • Drucken

Das Slash-Filmfestival fürchtet sich nicht - und wagt sich im Ausnahmezustand an seine elfte Ausgabe. Bis 27. September zeigt es Filme, die über sämtliche Stränge schlagen und unter die Haut gehen.

Das Kino hat Angst. Nicht nur vor dem Coronavirus, das seine Spielräume einschränkt und sein Geschäft unterhöhlt. Nein – es fürchtet sich auch vor sich selbst, vor seinem Potenzial als Ort der Konfrontation.

Lichtspielhäuser sind nicht zuletzt Stätten der Begegnung und des Abenteuers: Gefühlsachterbahnen, die schwindelerregende Runden durch Terra incognita drehen, wo faszinierende Geschöpfe im Gebüsch rascheln. Zum Reiz ihres Erfahrungsangebots gehört ein Mindestmaß an Risiko: Nicht immer weiß man, was als nächstes kommt. Doch Risiko wird zunehmend zu einem Fremdwort im zeitgenössischen Kinobetrieb.

Dessen Zumutbarkeitsrahmen ist in den vergangenen Jahren enger geworden. Die Kehrseite des längst überfälligen sozialen Bewusstseins für Ungleichheit, Diskriminierung und Ausgrenzung in der Kulturindustrie? Eine fast schon panische Scheu vor Unwägbarkeit und Ambivalenz. Figuren, die über sämtliche Stränge schlagen, Erzählungen, die am Unerträglichen kratzen, Filme, die ihr Publikum ohne moralische Absicherung ins Foyer entlassen – all das wird nach und nach zu einer gefährdeten Rarität. Und muss Zuflucht bei Festivals suchen.

Ein solches Asyl ist das Wiener Slash, das heute seine 11. Ausgabe eröffnet. Obwohl es oft und verkürzend als „Horrorfilmfestival“ etikettiert wird, fürchtet es sich nicht, schlägt gern über die Stränge, sichert sich kaum ab. Und wird dafür von seinen Fans geliebt. Mittlerweile kann man das schillernde Event getrost als Institution bezeichnen. Der unermüdliche Einsatz seines Überzeugungstäterteams wurde unlängst auch behördlich gewürdigt, mit einer erheblichen Aufstockung der städtischen Fördermittel: Dünger für strukturelle Stärkung und kreative Entwicklung.

Mit Epidemien kennt sich das Slash aus

Und dann kam Corona. Bitter für eine Veranstaltung, die sich als Hort gelebter Kinokultur versteht, wo auch ausgelassener Austausch und feucht-fröhliches Beisammensein zum Programm gehören. Aber das Slash kennt sich aus mit Epidemien. 2011 zeigte es den jugoslawischen Seuchenschocker „Variola vera“, und Zombieapokalypsen sind seit jeher Teil seines Stammrepertoires. Nun wagt es als erstes größeres Wiener Filmfestival den Sprung ins „physische“ Kaltwasserbecken. Freilich unter Einhaltung aller gebotenen Sicherheitsvorkehrungen: Risiken geht man nur auf der Leinwand ein.

Trotz limitierter Programmdichte wartet das diesjährige Slash mit erklecklicher Vielfalt auf: Abgründige Horrorjuwelen glänzen neben unkategorisierbaren Kuriositäten und familienfreundlicher Animation. Zudem gibt es mehr Wiederholungsvorstellungen (das Schikanederkino wurde als Zusatzspielstätte reaktiviert). Auffällig ist die stetig wachsende Bandbreite der Filmherkunftsländer: Spitzenreiter in Genre-Angelegenheiten bleiben Amerika und Asien, aber auch Afrika steuert einen äußerst vergnüglichen Actionknaller bei („Crazy World“). Ein Geisterfilm („Ich-chi“) entstammt gar der russischen Teilrepublik Jakutien. Und auch Österreich ist vertreten – mit Daniel Prochaskas Jugendspuk „Das schaurige Haus“.

Eindringliche Albträume von Frauen

Der Horrorfundus, oft als Männerdomäne verschrien, spiegelt dabei filmkulturelle Gleichstellungsbestrebungen. Frauen zeichnen für einige der eindringlichsten Albträume des Festivals verantwortlich. Im Eröffnungsfilm „Relic“ lässt die Australierin Natalie Erika James ein Demenzdrama rund um ein weibliches Familiengespann intensiv eskalieren, während die US-Schauspielerin Amy Seimetz mit „She Dies Tomorrow“ eine stimmungsvolle Depressionsstudie liefert, die auf irritierend aktuelle Weise mit Ansteckungsmetaphorik hantiert.

Politisch wird es in Laura Casabés „The Returned“, der düstere Folklore mit Kritik an südamerikanischen Ausbeutungsverhältnissen verquickt. Und in „Pelikanblut“ von Katrin Gebbe müht sich eine Pferdeflüsterin (Nina Hoss), mit ihrer unberechenbaren Adoptivtochter klarzukommen.

Keine Sorge: Der Spaß kommt nicht zu kurz. Japanischer Irrwitz voller unbotmäßiger Meeresfrüchte („Monster Seafood Wars“) und ein finnisches Stopptrickspektakel über die drohende „Laktokalypse“ („The Old Man Movie“) versprechen erquickliche Hirnlüftung in beklemmenden Zeiten.


[QRUSF]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2020)