Rainer Bischof: Musik und der „heilige Sokrates“

Rainer Bischof Musik bdquoheilige
Rainer Bischof Musik bdquoheilige(c) APA (Gindl Barbara)
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Der langjährige Chef der Wiener Symphoniker über sein Leben als komponierender Philosoph, europäisches Denken und südamerikanische Geistigkeit.

Unterrichtstätigkeit führt ihn nach Spanien, Bulgarien oder Kroatien ebenso wie nach Südamerika. Auch seine Musik wird bei diesen Gelegenheiten immer wieder aufgeführt. Rainer Bischof ist Komponist und Philosoph, vereint beide Sparten auch als Lehrer. Lange Jahre war er außerdem Generalsekretär der Wiener Symphoniker, von denen er sich früher, als er selbst es gern gesehen hätte, verabschieden musste. Im Gespräch räsoniert Rainer Bischof, der eben einen Kompositionskurs für Kinder in Mürzzuschlag abgehalten hat, auch über die Zeit nach dem erzwungenen Ende seiner Managertätigkeit; vor allem jedoch über Musik und Philosophie heute, über Europa – und die Unterschiede zwischen Wien und dem Rest der Welt. Ein Monolog, aufgezeichnet vom Redakteur.

Es ist eine bittere Zeit gewesen – nach den Symphonikern. In jeder Hinsicht. Vor allem deshalb, weil ich dem Vorwurf ausgesetzt war, der Intendant Bischof hätte es dem Komponisten Bischof „gerichtet“, wie man in Wien sagt. Das hat mich verletzt. Das einzige Werk, das die Wiener Symphoniker in den letzten Jahren von mir aufgeführt haben, war eine Auftragsarbeit der Bregenzer Festspiele!

Aber das ist halt Wien. Es war auch eine Zeit, in der ich viel gelernt habe. Ich bin meinen Feinden dankbar, weil sie mir beigebracht haben, die Schlussfuge aus Verdis „Falstaff“ wirklich zu verstehen. Tutto nel mondo e burla – das heißt auch: Damit leben zu lernen, wie die Menschen miteinander umgehen.

Hagiografie der Philosophie

In jüngster Zeit ist allerdings vieles auf mich zugekommen, das mich mit Dankbarkeit und Freude erfüllt. Zum Beispiel die internationale Unterrichtstätigkeit und die damit verbundenen Aufführungen meiner Musik. Ich komme gerade aus Sofia, wo ich vor zwei Jahren nach dreijähriger Unterrichtstätigkeit an der dortigen Universität das Ehrendoktorat bekommen habe.

Solche Dinge freuen mich auch als „alten Europäer“. Durch die Einbindung von Südosteuropa hat der Kontinent als Ganzes Unglaubliches an geistiger Erweiterung erfahren. Der Balkan, das war Terra incognita. Bei aller Problematik, die sie haben, können uns diese Länder ungeheuer viel geben.

Es stimmt: Diese Länder sind in vielem hinter den mitteleuropäischen „hintennach“. Aber man muss sehr vorsichtig sein mit einem solchen Begriff, denn auf der anderen Seite wurden dort auch Dinge bewahrt, die überlegenswert sind. Man muss dazu die Augen offen halten: In einem bulgarischen Kloster fand ich Fresken aus dem 14.Jahrhundert. Heiligendarstellungen mit all den Figuren, die man aus der Ikonografie kennt, doch mit vier Männern, die in unseren Breiten auf solchen Bildern niemals zu sehen sind: Sokrates, Platon, Aristoteles und Aristophanes. Hier erfolgt die Heiligung nicht über das Märtyrertum, sondern über das Denken. Dass man über das Denken heilig werden kann – wo finden wir das bei uns? Vielleicht in Arnold Schönbergs Ausspruch, Gustav Mahler sei ein Heiliger gewesen...

Bei alledem hat sich meine Liebe zu Spanien und zur spanischen Sprache noch verfestigt. Es ist eine ungeheure Erfahrung für mich, die Unterschiede zwischen den südamerikanischen Staaten aufzuspüren. Südamerika ist nicht Südamerika. Es herrscht ein enormer Unterschied zwischen den indigen geprägten Staaten wie Venezuela, Kolumbien, Peru und Ecuador auf der einen und beispielsweise Argentinien auf der anderen Seite. Das ist eine total andere Welt.

Mahler und Hermann Broch in Ecuador

In Ecuador habe ich ein unglaublich reich bestücktes Museum der Indigenas entdeckt. Man wird nicht fertig damit. All das hat nur insofern mit Musik zu tun, als ich in Ecuador im November drei Wochen lang einen Meisterkurs für Komposition abhalte und mittlerweile dort fünf Seminare über Gustav Mahler und die Wiener Schule leiten durfte. Aber das tue ich immer nur im Zusammenhang mit Philosophie. Das ist mein Gebiet: Die Vereinigung von Musik und Philosophie. Ich glaube, deshalb holt man mich nach Südamerika. Für mich war es eines der größten Erlebnisse, an jener Uni unterrichten zu dürfen, von der die Befreiungstheologie ihren Ausgang genommen hat.

Man ahnt hierzulande gar nicht, welches Bildungsniveau in Südamerika die Intelligenzija hat! Man kann dort über die Wiener Schule, aber auch über Karl Kraus und Robert Musil sprechen, und die Studenten wissen, wovon die Rede ist. Sogar Hermann Broch kennt man nicht nur dem Namen nach, sondern hat auch seine Bücher gelesen! Da kamen Studenten und haben mich mit Textzitaten konfrontiert!

Hierzulande nur noch im Antiquariat

Auch in Spanien, in Valencia, wurde ich nach Broch gefragt. In Österreich, in Deutschland können sie die Werke von Broch gar nicht mehr kaufen. Sie sind aus dem Verlagsprogramm gestrichen. Wer Glück hat, findet den „Tod des Vergil“ oder „Die Schuldlosen“ in einem Antiquariat.

Europa denkt in der Gegenwart und in der Zukunft. Wir gehen den umgekehrten Weg, den man in meiner Jugend eingeschlagen hatte. Damals hat man nur retrospektiv gedacht. Es gab wenige Menschen, die wussten, was in der Gegenwart zu entdecken war! Mein Lehrer, Hans Erich Apostel, war ein solcher Mensch. Er hat mich geprägt, er hat mich mitgenommen – es muss Ende der Sechzigerjahre gewesen sein, zu einer Lesung im Mozartsaal des Konzerthauses. Es las ein damals völlig unbekannter Dichter in Karl Kraus'scher Manier und Virtuosität ein eigenes Stück namens „Die Hochzeit“. Außer Apostel und mir waren vielleicht 150 Leute im Saal. Mehr waren es sicher nicht.

Der Dichter hieß Elias Canetti.

Man soll hinterher nicht so tun, als hätte man einen Canetti zu Lebzeiten gefeiert.

Die Lüge, mit der diese Stadt lebt, ist dramatisch.

RAINER BISCHOF

Der Komponist und Philosoph, geb. 1947, leitete bis 2005 die Wr. Symphoniker. Er ist Vizepräsident der Alban Berg Stiftung, Präsident der Gustav Mahler Gesellschaft.

Uraufführung: Cornelius Meister dirigiert am 26.November Bischofs jüngstes Orchesterwerk im Musikverein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2010)

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