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Archäologie

In den Höhlen malten wohl auch die Frauen

Waren auch hier Frauen am Werk? Die berühmten Malereien in der Chauvet-Höhle in Südfrankreich.Getty Images
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Erstmals weist die Analyse von Fingerabdrücken nach: Die prähistorische Kunst war nicht nur Sache erwachsener Männer. Und auch keine Arbeit einsamer Meister, sondern ein Gemeinschaftswerk.

Was wir nicht wissen, malen wir uns aus, so wie unsere Vorfahren ihre Höhlen. Ob in Lascaux, Altamira oder der Grotte Chauvet: In den Museen rund um die Pilgerstätten prähistorischer Kunst gibt es fantasievolle Schautafeln oder Filme, die uns den Künstler bei der Arbeit zeigen. Den Künstler, wohlgemerkt – denn es ist immer ein Mann und er ist meistens allein. Aber woher wollen wir das wissen?

Ein Team von spanischen und britischen Forschern hat eine kleine Höhle in Andalusien näher untersucht (Antiquity, 9/20). Dort wurden 2004 eine Reihe von schematischen Abbildungen entdeckt, aus dem Zeitraum von 5500 bis 2500 vor Christus: geometrische Figuren, aber auch Männchen und Weibchen samt Geschlechtsmerkmalen – alles in breiten Strichen auf den Kalkstein gemalt, mit den Fingern, die man zuvor in Ocker tauchte.

Wir kennen das: Wer mit Fingern malt, hinterlässt gut sichtbare Abdrücke. Und die verraten einiges. Zwar hat jeder Mensch bekanntlich einen einzigartigen Fingerabdruck, aber es gibt darüber hinaus Spezifika: Die Papillarleisten (die Linien an der Oberfläche der Fingerkuppe) sind bei Männern typischerweise breiter als bei Frauen, und die Abstände zwischen diesen Linien nehmen im Laufe des Lebens zu.

Ausgerechnet in „Los Machos“

Damit lassen sich Geschlecht und Alter abschätzen, indem man sie mit vielen Abdrücken heute lebender Menschen vergleicht – zumindest im Prinzip. Schon früher haben Archäologen nach brauchbaren Fingerabdrücken gefahndet: auf Tonscherben, Skulpturen und jenen Hand-Schablonen auf Höhlenwänden, die vielleicht dazu dienten, böse Geister abzuwehren. Doch die Abdrücke waren meist unvollständig, die Analyse blieb vage.

Erst was man in Los Machos (Nomen non est omen!) fand, lässt Schlüsse zu: Es waren zugleich zwei Künstler am Werk. Der eine war sehr wahrscheinlich ein Mann von über 36 Jahren. Bei der zweiten Person ist es heikler: Der Abdruck deutet auf eine etwa halb so alte Frau hin, es könnte aber auch ein Kind um die 13 gewesen sein, wobei es unklar bliebe, ob Mädchen oder Bub. Sagen wir es so: Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass die ganze Familie am Werke war.

Schon das wirft vertraute Annahmen um: vom einsamen Künstler, vielleicht auch einem Priester oder Schamanen, der einen Kultraum ausgestaltete. Vielmehr dürfte die Dekoration der Höhlen ein kollektives, soziales Unterfangen gewesen sein, bei dem jeder dafür Begabte seinen Beitrag leisten konnte – Frauen, Männer und Kinder.[QTA1B]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2020)